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Konflikt der 2 bis X Welten

Es ähnelt der dissoziativen Identitätsstörung in ihren Grundzügen, der Wechsel zwischen den Rollen eines Menschen mit Ego-State-Disorder. Es ist kein Krieg der Welten die in einem Menschen mit der Störung wütet, vielmehr sind es parallele Universen, die nebeneinander her existieren, jedoch immer nur eine der Welten im Außen erscheint. Kryptisch klingt das alles, schwierig zu beschreiben, aber es gibt genügend Menschen, welche sich in der DIS nicht "zu Hause" fühlen. Nicht "angekommen" erleben, wo sich vieles ähnelt, aber letztlich die Beschreibungen nicht passen zum eigenen Erleben.

Machen wir ein Gedankenexperiment um die Situation von Menschen mit ESD etwas näher zu beschreiben:

Markus ist ein gesunder Mensch. Er kommt auf die Welt, erlebt ein herzliches Willkommen bereits als Baby. Im Laufe seines Lebens lernt er die elementaren Dinge, auf die es in der Gesellschaft - in welche er sich integrieren muss- ankommt: Gut und Schlecht. Die Facetten dazwischen. Richtig und falsch. Er lernt liebe und gemeine Menschen kennen und manchmal auch welche die erst lieb sind, dann gemein. Markus lernt in der Schule sich zu integrieren, seine Familie hilft ihm immer dabei. Die Familie, der Fels in der Brandung. Seine Weltordnung ist klar strukturiert und auch wenn er manchmal gerne über die Stränge schlägt: Seine Identiät hat er noch nie in Frage gestellt, seine Weltordnung ist immer gleich.

Markus ist also unser Mustermensch, er hat gelernt wie die Welt tickt und welche Rolle er dabei spielt. Er hat sich kennengelernt im Leben, lernt mit jeder Situation wie er selbst auch ist. Er hat ein Universum: Sein eigenes.

Michael ist ein Mensch, der schon zu Beginn einen schlechten Start hatte. Er war unerwünscht, seine Geburt ein notwendiges Übel. Sein Vater trennte sich wenige Tage vor der Geburt von Michaels Mutter. Seine Mutter verachtet ihn und lässt das Baby es von Beginn an spüren. Eine postnatale Depression der Mutter lässt das junge Leben Monate ohne Zuneigung aufwachsen. Im Laufe seines Lebens lernt er, dass er nichts zu melden hat. Sein Erleben ist grundlegend falsch, weil er als Person bereits -falsch ist. Er hat keine Liebe und Zuneigung der Eltern erlebt, lediglich seine große Schwester versucht ab und zu etwas gut zu machen. Sexueller Missbrauch ließen sein Bild der Welt dermaßen erschüttern, dass er eine eigene Ordnung in seine unsichere und bedrohliche Welt bringen muss. Michael muss lernen die Stimmungen seiner Mutter genau zu deuten und dementsprechen zu "sein", zu handeln und zu agieren, damit sie nicht ihren Hass über ihn erbricht. Er entstehen viele Wahrheiten in seiner Welt.

Michael ist somit unser Mensch mit einem zerrütteten Welterleben. Er muss viele Weltordnungen erschaffen um in seinem Umfeld überleben zu können, denn nur durch diese verschiedenen Ansichten der Welt kann er bei seiner höchst launischen und depressiven Mutter bestehen.

Im Gegensatz zu unserem gesunden Markus, der in einer Weltordnung lebt, ist Michael ständig darauf bedacht aufzupassen welche Regeln und welche Ordnungen gerade gebraucht werden um zu überleben. Es sind Wie mehrere Welten ineinander, welche sich auf Bedarf / Trigger / Notwendigkeit öffnen.

 

Quelle: kirkum2020

 

Auszug aus einer realen Situation mit Joshua:

Joshua hat sich selbst mittlerweile besser kennengelernt. Sich und seine States, seine Teile die zu ihm gehören und doch nicht ganz integriert sind in sein ganzes Ich.

Grundlegend hat sich seine diagnostizierte soziale Phobie nicht verändert und bestimmt auch die Antipathie gegenüber anderen Menschen. Eigentlich ist Joshua ein ungewollter Eremit, hat Gewaltvorstellungen, Probleme mit sozialen Interaktionen und gesellschaftlichen Floskeln.
Umso überraschender ist für Außenstehende den folgenden Auszug aus seinem Leben:

Ich spielte am Computer, zockte, Spiele, durchforstete Webseiten nach neuen Inhalten, Wissen, Lustigem, Spannendem.
Als ich in die Küche ging - es war schon dunkel, finster düster draußen -, bemerkte ich lautes Palaver. Es kam von draußen, meine Ohren spitzten sich sofort. Alarmbereitschaft. Ich wurde aus meinem Trott rausgerissen, meine Neugier ließ mich ausfinden, wo das Gelächter, Gebrülle herkam. Ich sputzte aus meinem Fenster. Mein Gefühl täuschte mich nicht, da passiert etwas draußen.

Sofort switchte meine Innenwelt. Meine Wahrheiten über Menschen veränderten sich blitzschnell.

'Da, schau hin, du siehst das, da braucht jemand Hilfe!' dröhnte ein Teil von mir.
Von meinem Küchenfenster aus ergab sich mir ein schreckliches Bild: Zwei Jugendliche brüllten einen Jüngeren an, stritten, lachten, der Jüngere hielt eine abwehrende Haltung gegenüber der zwei großen übermächten Jugendlichen. Sie bedrohten ihn, bäumten sich auf und dann passierte es. Sie schlugen auf ihn ein.

Ich schnappte mir meine Machete, welche ich immer griffbereit unter meinem Bett aufbewahrte, hielt den Griff fest umschlossen.
'Da passiert Ungerechtigkeit. Da braucht jemand Hilfe. Mir hat nie wer geholfen, das will ich ändern, diesmal nicht. Diesmal werden sie sich umsehen, diese miesen Bastarde. Wie können Sie es wagen einem anderen in der Überzahl. .’. Noch während sich meine Welt erneut änderte, die Wahrheiten von Menschen, die die ich alle nicht leiden mag und kann, liefen meine Beine in das Szenario, welches sich in einem Gang, einem dunklen Gang, einem regelrechten Gässchen abspielte.

Ich blickte zu dem Jungen am Boden und fragte in völliger Selbstsicherheit: "Brauchst du Hilfe?" - meine Machete erhoben. Die zwei durchaus größeren und imposant wirkenden Jungen starrten völlig aus -ihrem- Trott rausgerissen auf meine drohende Waffe.
Stille. Mächtige Stille und die Macht strahlte von mir aus.
'Ich beschütze ihn, komme was da wolle' dachte ich zum Jungen auf dem Boden. Die Jungen rannten wortlos weg.
Ein kurzer Blick dem Übel hinterher und ich ging wortlos zurück in mein Haus.

Meine Welt änderte sich wieder. Ich setzte mich an meinen Rechner, als wäre ich nur kurz aufgestanden um mir etwas zu trinken zu holen.
'Alles wie immer' dachte ich und surfte weiter im Netz.

Die Ego-State-Disorder beschreibt diese Rollen in ihrer Inkongruenzheit. In unserem Beispiel von Joshua prallen hier zwei Welten aufeinander. Weltordnung A in der alle Menschen verabscheut werden und somit "schlecht" sind, welches sich auch mit der sozialen Phobie erkennen lässt und Weltordnung B in der es durchaus ein "Gut" und "Schlecht" gibt, das Gute beschützt werden muss und das Schlechte bestraft.

Menschen mit einem gesunden Ich-Gefühl geraten nicht in solche Weltordnungskonflikte.

Was beschreiben Betroffene, welche Situationen zeigen die alltäglich ansträngenden Symptome der ehemaligen Überlebensstrategie?
Ich möchte mich hier weniger auf die diagnostischen Kriterien oder manchmal auch unverständlichen Aussagen der Ärzte, sondern auf oftmals immer wieder Auftretende Erlebnisse zum Thema DSNNS.


Ich glaube mir nicht!

Auffällig ist besonders das völlig verstörte Selbstbild. Man glaubt sich selber nicht mehr (falls man es vor der Diagnose vielleicht sogar getan hat). Ist sich seines ganzen Erlebens völlig unsicher, viele denken sie Schauspielern die anderen Anteile, man lügt, fühlt sich intrigant und manipulierend.
Das schwierige ist hier, dass es auch "schwarze Schafe" gibt, welche mit Sicherheit auch ernstzunehmende Probleme haben, aber das eben tatsächlich und bewusst spielen um etwas damit zu erreichen. Und hier genau liegt der Schlüssel Satz, wenn man ehrlich zu sich selber ist:

Was würde es dir positives und bezweckendes bringen, dass du dir die Anteile / Persönlichkeiten "nur" ausdenkst oder hat dies für dich irgendeinen positiven, lebenserleichternden Aspekt?

Die "Schauspielerei" hat nur Nachteile und vor allem kann man sie nicht sein Leben lang aufrechterhalten. Irgendwann würde es rauskommen und ich weiß, genau vor diesem Augenblick fürchtet man sich, aber seltsamer Weise kommt dieser Moment nicht. Vielleicht gibt es einen vertrauten Menschen, der dich oder euch kennt und manchmal helfen genau diese Aussagen der Vertrauten (auch wenn sie keine Ahnung von euch oder Dissoziation haben) erheblich. Vielleicht bekommt man oft zu hören, dass man "dich nie einschätzen kann", man "das Gefühl hat ständig mit wem anderes zu reden" oder "du verschiedene Gesichter hast". Vielleicht aber bemerkt man auch vieles selber, man erinnert sich nicht richtig an irgendwelche Namen oder Personen, stellt in verschiedenen Momenten / Stresssituationen völlig verschiedene Lebensansichten fest und spürt die Anwesenheit von mehreren völlig gegensätzlichen Gefühlen. Ein großes Problem im Gegensatz zur Diagnose DIS ist vor allem die vielleicht "fehlenden Beweise", welche bei Menschen mit der dissoziativen Identitätsstörung die Akzeptanz der Diagnose manchmal "einfacher" machen. Es kann zum Beispiel sein, dass keine unterschiedlich geschriebenen Schriftstücke gefunden werden, oftmals keine andauernden Amnesien entstehen (durch welche man dem ganzen Erleben eventuell etwas mehr Glauben schenken kann) oder eine direkte Abtrennung der verschiedenen Persönlichkeiten auftreten und trotzdem ist man "viele".

Glaube dem was du wahrnimmst, denn das ist deine Wahrheit!

 

Ich funktioniere.

 

Viele der Betroffenen haben das Gefühl rein zu funktionieren, um nicht aufzufallen. Man lernt über die Jahre nach außen klarer zu wirken, kennt den Unterschied was bei anderen Menschen als "normal" angesehen wird und was auch nicht. Vielleicht sogar schafft man alles für andere ganz wunderbar, kann alles machen, was psychisch gesunde oder Uno´s (Menschen mit einem gesundem Ich) den Tag über ebenso tun (Feiern gehen, Arbeit ausführen etc.), aber was keiner sieht, weil es über die Jahre so gut erlernt wurde ist die extrem ansträngende innere Arbeit um all das zu bewältigen und um eben genau so zu funktionieren, wie es die Gesellschaft einem gewissermaßen vorschreibt. Eine Betroffene mit DIS sagte zu mir einmal: Es gehen 80% der Kraft mit der Innenorganisation drauf, 10 % bleibt vielleicht für die Arbeit und weitere 10% für Partner und Co.

Genau diese Aussage kann auch zu Menschen mit einer DSNNS zutreffen und keiner der Mitmenschen bemerkt das wirklich. Vielleicht wird wahrgenommen, dass der Betroffene oft in Kliniken ist oder in Psychiatrien, aber als Außenstehender wird man seltenst einbezogen und weiß gar nicht, wie der Betroffene therapiert wird oder aus welchem Grund er dort ist. Man sieht als Außenstehender vielleicht plötzlich auftretende andere Lebenseinstellungen oder völlig unterschiedliche Verhaltensweisen, aber schiebt es darauf, dass jener eben "so ist" ohne zu hinterfragen. Es wird sich gewundert, aber da fast keine Aufklärung in der Öffentlichkeit stattfindet, zucken deren Mitmenschen nur mit den Achseln, wenden sich ab oder akzeptieren das ohne das Hintergrundwissen.

Das Funktionieren ist also immens erschöpfend und wirkt für einen selber tatsächlich wie eine Schauspielerei, da den Part des Alltags eventuell ein Team oder eine Alltagsperson einnimmt, welche das schon gewohnt ist. Aber das alles mitzubekommen und zu wissen, dass so herbe Arbeit darin steckt ist für viele Betroffene sehr erschreckend und traurig, denn oft kann dadurch keine neue Kraft mehr geschöpft werden und meistens kommt es nach den Funktions-Situationen zu einem richtigen Trubel im Innen und dann auch im Außen. Für jeden kann dieses Funktionieren anders aussehen, aber viele der Betroffenen teilen diese Anstrengung.

 

Ich bin viele, oder doch nicht?!

Besonders beim Typ 1 der DSNNS, also dem fließendem Übergang zu einer DIS ist genau diese Frage unendlich quälend und kräftezehrend.
Die einen wissen es, dass viele anderen in einem stecken, weitere wissen, dass es "nur" verschiedene Anteile vom Selbst sind (und bezeichnen sich auch nicht als "viele") und wiederum weitere haben ganz ähnliche Probleme mit der Annahme von weiteren Persönlichkeiten wie bei Menschen mit DIS.
Und genau das macht alles so schwierig, es sind so fließende Übergänge und mal trifft alles, mal gar nichts und ein weiteres Mal nur ein gewisser Teil zu. Oftmals geht es aber genau um diese Frage und das Hinterfragen der Feststellung geht es in vielen Situationen. Man hört die anderen, die Stimmen im Kopf, sieht wie sich alles verändern kann von Haltung, Mimik und Stimmlage, aber es ist ja nicht so. "Ich kann es bestimmt jederzeit abstellen", aber kann man das wirklich? Höchstwahrscheinlich nicht und damit kann man seine eigene Glaubwürdigkeit für sich selber auch etwas feststellen. Gut möglich ist es auch, dass keiner der vorhin aufgezählten Auswirkungen bemerkt werden, wie gesagt es ist bei jedem unterschiedlich. Aber einem kann man sich gewiss sein: Es wird mit der Zeit strukturierter und das eigene Glauben wird besser, auch wenn es Jahre dauert.

Das Glauben an die anderen ist oftmals ein langanhaltender Prozess und wird immer wieder mit Rückschlägen zum "nicht-fassen können" gekennzeichnet. Bei Menschen mit einer ausgeprägten DIS gibt es oftmals Persönlichkeiten, welche das alles nicht glauben, welche die wildesten Erklärungen für die "vermeintlich anderen" erfinden und genau das kann auch bei einer DSNNS passieren: Persönlichkeiten oder Anteile, welche genau dieses im Kopf haben:
"Was nicht sein darf, kann nicht sein!"

Manchmal vermischen sich aber viele Empfindungen, mal fühlt ein Betroffener sich als einzelne Person und manchmal mehr als "viele", es ist gut möglich, dass entweder ein funktionierender Anteil / Persönlichkeit sich vorne "bewegt" oder es auch ganz einfach gerade eben so ist. Die Akzeptanz, dass es sich gerade so oder anders anfühlt hilft meistens ein wenig, aber am besten kann darüber mit einem geschulten Therapeuten / Arzt gesprochen werden.

weiteres folgt...

 

 

 

Ein ganz wunderbarer englischer Bericht von Amanada zum Thema DSNNS und deren Symptome kann man hier (mittlerweile down) finden.
Eine eine dazu gestellte deutsche Übersetzung kann man auf der Seite der Geisteskinder (mittlerweile down) zu finden.

Hier ein kleiner Auszug um sich ein Bild dieses Textes zu machen:

"Ich war mir lange darüber uneinig, ob das, was wir erleben, "reell" und "gültig" ist. Dies ist besonders deswegen ein Problem, da wir (als ganze Person gesehen) nicht alle Kriterien für die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung erfüllen, aber trotzdem viele derselben Erlebnisse und Symptome haben. Was sind dies also für Erlebnisse? Es ist das Erlebnis, dass ich mich manchmal wie eine völlig andere Person fühle, mir aber trotzdem bis zu einem gewissen Grad darüber bewusst bin, dass ich immer noch ich bin. Es ist das Erlebnis, dass mein Bewusstsein mit vielen Stimmen spricht und mich oft von dem ablenkt, was ich gerade mache. Es ist die Erfahrung zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber nicht genau zu wissen, was. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen nichts derartiges Außergewöhnliches passiert. ..."

Dieser übersetzte Text passt vielleicht zu dem ein oder anderen Menschen, der sich nicht im Klarem ist, was die gefundenen Symptome zusammen bedeuten, oder vielleicht findet man durch ihn die langersehnten Antworten zu all den Fragen, die man sich im Bezug auf Dissoziation stellt.

Das Interview mit einem Betroffenem der
Ego-State-Disorder


Oftmals ist es genau das: ein Wirrwarr von Diagnosen, nichts Halbes und nichts Ganzes, von jedem stimmt etwas aber auch nicht alles. Auch wenn die Ego-State-Disorder nicht diagnostiziert wird, da es momentan noch zur dissoziativen Störung nicht näher spezifiziert dazugehört, kann man sich genau darin wiederfinden, was Menschen dabei beschreiben.

Um ein wenig mehr Transparenz in diese vielschichtigen dissoziativen Strukturen möchte ich euch ein Interview mit einem Betroffenen, der sich nicht als "völlig abgespalten" aber auch nicht als ein einziges "völliges Ich" wahrnimmt, vorstellen:

Joshua (Namen zur Sicherheit geändert, diesen hat er selbst ausgewählt) ist zum heutigem Zeitpunkt männliche, 26 Jahre jung. Er lebt alleine, fast schon wie ein Einsiedler und hat nur über das Medium Internet Kontakt zu anderen Menschen. Joshua ist erwerbsunfähig geschrieben worden, hat keine Ausbildung abschließen können und bestreitet sein Leben jeden Tag aufs neue in seinen Regeln und sekündlich ändernden Lebensvorstellungen. Mal gelingt es besser, mal gelingt es schlechter, aber eines hat er in seinen jungen Jahren schon erreicht: Er hat überlebt.
Denn in seiner frühkindlichen bis jugendlichen Vergangenheit hat er viel überleben müßen:

Ein herrischer, emotionskalter Vater, der ihn seelisch missbraucht hat, eine Mutter, welche durch ihre Medikamentenabhängigkeit und schweren psychischen Störungen statt einer liebenden helfenden Mutter, ein Wechselspiel von Gut- und Boshaftigkeit, ihre Kinder traktierte sowie Geschwister, welche all dem hilflos ausgeliefert waren.
Zusätzlich zu diesem schwierigen Familienbild zeichnet sich der Vater anhaltend durch die "Weitergabe" Joshuas an ein pädophiles Paar besonders missbrauchend aus. Er hatte keine helfende Hand, keinen unterstützenden Verwandten, keine Hilfe, welche irgendwie das Leid abmildern konnte, oder zumindest einen vertrauten Menschen, dem er all das hätte erzählen konnte.
In seinen jungen Jahren war es Joshua nur möglich das alles zu überstehen und zu überleben, indem er sich in seine Phantasiewelten zurückzog, sich einen Raum schaffte, der Jenseits von all dem Grauen war. Doch dies reichte nicht um die junge Kinderseele zu schützen, er entwickelte entsprechend der Situationen Ich-Rollen, jede für sich war er, aber diese wurden immer stärker und andauernder benötigt um zu überleben.

Heute kämpft er alltäglich mit seinen States, stark ausgeprägte Rollen / Anteile seiner selbst, welche so kongruär denken wie auch handeln können. Einer seiner States hat mittlerweile auch einen guten Kontakt zu einem Geschwisterteil aufgebaut, endlich ein Stück Boden, zwischen all dem Nichts und dem Grauen. Zwar hat der Geschwisterteil damals nie eingreifen können, konnte ihn nicht beschützen, aber dieser war ihm mehr noch ein Vater, als der eigene.
Joshua ist nun in Therapie, dies ist nicht seine erste, aber seine erste selbst erarbeitete Austauschmöglichkeit, welche er freiwillig besucht und dort hart an sich arbeitet, wie jeden Tag. In der Therapie wird er ziemlich schnell nach der Ego-State-Therapie behandelt (trotz, dass er nie seinen Missbrauch erzählte) und er hat seine Anteile erkannt und kann diese nun auch formulieren:


Linehme: Joshua, wenn du nun in dich reinfühlst, was fühlst du ?
Joshua: Ich spüre die Anwesenheit meiner Anteile.

Linehme: Wieviele States konntest du mittlerweile in der Therapie ausarbeiten?
Joshua: Ich habe 8 Anteile in mir, jeder hat eine eigene Geschichte und in der Therapie konnte ich diese identifizieren.

Linehme: Wie würdest du den Moment beschreiben, wenn du "plötzlich anders" bist?

Joshua: Es ist für Aussenstehende oft sehr befremdlich in solchen Momenten, aber ich weiß genau "Ich fühle mich nicht anders, ich bin immer ich" und dies zu jedem Zeitpunkt. Dies ist anders als bei Menschen mit einer dissoziativen Identitätstörung oder einer DSNNS, ich habe keine "Namen" für diese States und höre auch keine anderen Stimmen in meinem Kopf, aber trotzdem sind alle 8 für sich sehr ausgeprägt, so stark, dass sie mein Leben beeinflussen und auch beeinträchtigen. Ich empfinde es wie eine sehr sehr starke Phase einer völlig anderen Lebensrichtung.

Linehme: Könntest du mir diese States beschreiben?
Joshua: Wie auch bei Menschen mit einer DIS etc. habe auch ich soetwas wie ein Alltagsteam, ein sehr präsentes Trio welches ich als Alltags-Ich wahrnehme:

An der Spitze dieses Teams steht der "Berserker", ein alles vernichtender Anteil, ohne Mitleid und Einfühlungsvermögen. Er ist nicht dazu da mich zu schützen, sondern um etwas aktiv gegen die momentane Streßsituation zu unternehmen. Als Ziel sieht dieser Anteil sich möglichst aggressiv und brutal gegenüber anderen Menschen zu verhalten um bei seinem Gegenüber Angst zu erzeugen. Wenn ich in diesem Zustand bin, habe ich einen Satz in mir: " Es ist mein verdammtes Recht zu tun was, wo und wie ich will". Durch ihn kann ich mich in der Öffentlichkeit bewegen, was mir sonst durch meine soziale Phobie nicht möglich wäre.
Wenn ich ihn beschreiben müßte würde ich sagen, er ist ein völlig erschöpftes Wesen, eine Mischung aus Mensch und Ding, seine Hände nehme ich groß und knöchern wahr, er ist riesig und hat zerfetzte Kleidung an sich. Er trottet immer voran, sogar noch vor dem "Bären".

Gleich neben dem "Berserker" ist bei mir ein stark beschützender, fast schon väterlicher Anteil, der sich sehr gerne um andere Menschen kümmert und seine Klauen ausfährt, wenn ein ihm wichtiger Mensch in Not gerät. Ich habe bei ihm immer das Bild eines großen Braunbären, der sich schützend über alles legt.

In der Hand des Bären ist ein weiterer State: Das Kind.
Es fühlt sich wie ich selbst mit 8 Jahren an und ist extrem ängstlich, wie ein Häufchen Elend, welches sogar Angst vor Wolken haben kann. Dieser Anteil ist meistens nur wenige Minuten vorhanden, da sofort der "Berserker" hervortritt und "seinen Modus" wählt. Durch den Schutz des Bären kann dieses Kind sich überhaupt nach vornebewegen, ist aber immer im Alltagstrio vorhanden.

Es gibt auch noch andere, unteranderem ein gesunder Anteil, der gerne lebt, Spaß hat, agil ist und Sport betreibt und sehr lebensbejahend durch die Welt geht.
Weiterhin einen Funktionsanteil, der immer das gleiche Programm abspult, aber völlig emotionslos alltägliche Dinge übernimmt, wie Ämtergänge und Anrufe, aber auch sehr apathisch wirken kann.

Ebenso einen Einsiedler, welchen ich wie ein Eremit in einer Blockhütte lebend beschreiben würde, den "Normalzustand", welcher ein Mix aus Fröhlichkeit, Funktionieren, Einsiedlerdasein und Kindanteil beinhaltet, ein weiteres inneres Kind, welches starke Zuneigung und Geborgenheit sucht, sehr kreativ und phantasiereich ist und einen gesunden Anteil, der völlig beschwerdefrei und gesund erlebt wird.

Linehme: Joshua, vielen Dank für deinen inneren Einblick!


Dieses Interview zeigt einen kleinen Einblick in die innere Landkarte des Betroffenen Joshuas und vielleicht hilft es dem ein oder anderen Menschen ein wenig mehr sich selbst zu verstehen.

Beispiel der Ego State Disorder:

Renate Freundlich (Name geändert) kommt zu mir mit der Frage: „Bin ich wohl multipel?“ Und erklärt, dass sie von der dissoziativen Identitätsstörung gehört hat: „Irgend etwas daran trifft auch auf mich zu.“ Nach einer sorgfältigen Diagnostik kann ich sie beruhigen: Nein, sie ist nicht multipel. Doch es ist ganz deutlich: Sie hat sehr verschiedene Anteile in sich und leidet zum Teil erheblich darunter, dass sie „so verschieden ist“. In ihrem Beruf ist sie „ganz die tolle berufstätige Frau“, aber in der Theater-AG, in der auch einige Kollegen sind, „da spiele ich manchmal ganz obszöne Rollen, oder auf derbe Weise den Clown, das ist mir hinterher immer sehr peinlich.“ Bei mir erschein sie manchmal wie ein draufgängerischer, aber charmanter kleiner Junge mit Knickerbockern und Schiebermütze – irgendwie erinnert sie mich dann an den kleinen Jungen auf dem Plakat mit Charly Chaplin als „Tramp“. Ein andermal kommt sie mit zartesten Blüschen, spricht leise und ängstlich wie ein kleines Mädchen. Dann wieder wirken ihre Bewegungen eckig und ungelenk und sie kann „brutale“ Sätze äußern. Immer wieder bricht etwas aus ihr heraus, und sie schildert, dass sie große Mühe habe, die verschiedenen Anteile zu akzeptieren, geschweige denn, sie zu steuern.

Multipel ist sie jedoch nicht, weil sie keine pathologische Alltags-Amnesien hat; sie weiß immer, wann sie in welcher Rolle ist, und mit einiger Konzentration schafft sie es auch, von einem Persönlichkeitsteil zum anderen zu wechseln. „Die kommen eher so aus mir hervor“, sagt sie. „Mit Mühe kann ich es verhindern oder zulassen, aber trotzdem irritiert es mich, und ich frage mich oft: Wer bin ich denn _eigentlich?“

Ein pures Rollenspiel ist es aber auch nicht, denn sie fühlt sich von außen gesteuert: Je nachdem, wer oder was gerade auf sie zukommt (die Chefin, ihr Berufsalltag, ihr Sohn, ihr Mann, ihre Theater-AG-Mitspieler, etc.), „wechselt“ sie ihre Identitäten. Meist ist dies funktional. Doch wenn sie durcheinander ist, kann auch schon mal zur Unzeit ein anderer Teil der Persönlichkeit nach außen „rutschen“, und das ist ihr äußerst peinlich.

In der Anamnese ergibt sich: Schon als Kind hat sie sich oft „weggeträumt“ in andere Wesen und Identitäten. Und das musste sie offenbar auch, denn sie schildert, sowohl vom Großvater als auch vom Vater sexuell missbrauch worden zu sein. Niemand half dem Kind, niemand sprach über die namenlosen Schrecken mit ihr, also hat sie, die über eine starke dissoziative Fähigkeit verfügt, sich selbst geholfen und unterschiedliche Ich-Zustände geschaffen, darunter einige, die von der Gewalt nichts wussten, aber durchaus kreative oder auch „heimliche“ Selbst-Anteile verkörperten. Als Erwachsene hadert sie mit dieser Fähigkeit: Jetzt möchte sie lernen, selbst zu bestimmen, welche Teile von ihr nach außen hin sichtbar werden und welche nicht. Und sie möchte zu einer integrierten kohärenten Persönlichkeit zusammenwachsen.

Aus dem Buch Trauma und die Folgen von Michaela Huber:
(Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung, Teil 1, S. 126 ff.)