Das Abbild in den Medien - multiple Menschen in den Medien

-subjektive Wahrnehmung-

In der Öffentlichkeit wird immer das gleiche Bild einem multiplen Menschen in Worte gezeichnet:

"Der Vorzeige-Multi"

Der Hintergrund des Menschen mit DIS liegt immer im rituell-satanistischen Bereich. Das Geschlecht wird immer weiblich dargestellt, die Amnesien zu den Anteilen sind immer vorhanden.

Die Diagnose ist natürlich immer noch völlig umstritten in der Fachwelt und der der sie trägt kommt im Alltag schlecht bis gar nicht zurecht.

Es werden immer Beispiele genannt, die den Haushalt betreffen, also neue Kleidungsstücke, andere Anordnung und so gut wie immer werden vermeintliche Freunde und Kollegen nicht erkannt.

Ganz ohne Frage: Der undiplomatisch ausgedrückte "Vorzeige-Multi" existiert natürlich, mit dem Hintergrund und den ganzen Schwierigkeiten.

Jedoch ist dies eben nur eine Facette des Spektrums eines Menschen der multiple ist.

Sehen wir uns als Beispiel die huffingtonpost.de an:

Dr. Sandra May einer als Politik- und Sozialwissenschaftlerin hat in Zusammenarbeit mit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle einen Artikel verfasst.

Erster Abschnitt:

"Normalerweise hat jeder von uns genau eine einzige Persönlichkeit, ein Ich, das uns ausmacht. Gemeint sind damit unsere Gedanken, Gefühle und Erinnerungen - Eigenschaften, die uns einzigartig machen. Doch es gibt auch Menschen, die mehrere Persönlichkeiten, also viele »Ichs«, in sich tragen. Und häufig haben diese unterschiedlichen Ichs keine Ahnung von der Existenz der anderen Persönlichkeiten. "

Auch hier haben wir wieder den typischen Vorzeige-Multi. Die Existenz der anderen Persönlichkeiten ist den meisten System durchaus bekannt, sicherlich nicht alle Teile allen anderen Teilen, aber grundlegend habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Grundwissen über die Anteile vorhanden ist, vielleicht nicht in dem Ausmaß, aber von Beginn an wissen die meisten, dass sie nicht alleine im Körper sind, aber schlichtweg ohne Diagnose und Kommunikation mit anderen Betroffenen/Professionellen keine Worte für parat haben.

Zweiter Abschnitt:

"Damit sind Sie nicht allein, denn bis heute scheiden sich sowohl in der Fachwelt als auch unter Laien die Geister über die Frage, ob in einem Menschen tatsächlich mehrere Persönlichkeiten leben können.“

Eben nicht. Genau das ist einer der häufigsten Fehler in aktueller Mediengestaltung zum Thema DIS: die Fachwelt diskutiert NICHT über die Diagnose, das ist lange Zeit vorbei. Es gibt genügend Studien, Berichte und Fachliches, was nicht letztlich durch den Eintrag ins ICD oder DSM bestätigt wird! Eine Diagnose die großflächig auf deren pure Existenz diskutiert wird, gibt es nicht als Diagnoseschlüssel.

Diskutiert wird eher über das Thema Ego-State-Disorder, aber die DIS/DSNNS als Zusammenfassung der Symptome eines multiplen Menschen gibt es. Ohne Wenn und Aber.

Ein weiterer Auszug:

"„Besonders an Ostern war es heftig." Wieder macht Tanja eine Pause, ihre Stimme wird leise. Fast flüsternd berichtet sie: „Da gab es dann satanische Feste und Rituale.“

Natürlich haben wir hier auch wieder den typischen Background: Ritueller Missbrauch / Satanistische Sekte.

Unbestreitbar gibt es große Schnittmengen von Menschen die organisierte Gewalt überlebt haben (und das betrifft nicht nur "Sekten") und daraus resultierende Überlebensmechanismen mit der Diagnose DIS/DSNNS zusammenhängen.

Trotzdem ist das nur ein kleiner Teil.

Es wird oftmals übersehen, dass organisierte Gewalt nur ein Hintergrund ist, der so extrem in der erlebten Gewalt sein kann, dass eine Kinderseele die Aufspaltung als kreativen Überlebensmechanismus wählt.

Besonders häufig zeigte mir die Erfahrung, dass die "typische" häusliche Gewalt, mit zwei im Kindesalter angesiedelten Besonderheiten gekoppelt, ebenso häufig auftritt:

1. Anhaltender emotionaler/physischer Missbrauch vertrauter Personen (und hier rede ich nicht nur von der sexuellen Ausbeutung eines Kindes, sondern auch emotionale Kälte, Aggression, anhaltende Verwirrung trotz vielleicht physischer guter Behandlung, kann einen Menschen ebenso brechen)

und

2. Keinerlei Hilfe

Ausnahmslos alle multiplen Menschen die ich kennengelernt habe, ließen bei einem Blick in ihr Lebensbuch bemerken, dass insbesondere in der jungen Lebenszeit keine Erinnerung an Hilfe von außen bestand. Also niemand der sich den Sorgen, Nöten, Ängsten und Gewalttaten annahm oder dem Glauben schenkte.

Oftmals als eingeklammerten dritten Punkt ist mir aufgefallen, dass es mindestens ein Erlebnis gab, an welches sich nicht richtig erinnert werden konnte (sofern überhaupt korrekte Erinnerung vorhanden ist).

Gehen wir weiter in unsrem typischen Beispielartikel:

"Das Erscheinungsbild multipler Persönlichkeiten ist sehr vielfältig. Meist tragen Multiple wie Tanja mindestens zwei Identitäten in sich - allerdings können es auch mehrere Dutzend verschiedene Innenpersönlichkeiten sein, die sich in einem Körper aufhalten. "

Auch hier merkt man wie gut abgeschrieben, aus vielleicht einem Huber-Buch, wurde. Ich kenne nicht einen einzigen multiplen Menschen der NUR zwei Anteile hat! Ich habe auch gefragt, ob irgendwer ein System (ist das dann noch ein System?) kennt mit lediglich 2 Anteilen?

Wenn wir doch mal ganz logisch das betrachten:

Das Gehirn hat in ganz jungen Jahren die kreative Lösung geschaffen oder entdeckt, sich in höchsten Gefahrensituationen (welcher Art auch immer) abzuspalten. Der Fall, dass es nach diesem einen Mal aufhört ist unglaublich unwahrscheinlich. Einerseits wird die Gewalt nicht plötzlich aufhören die den Menschen dazu veranlasst und andererseits wird der Kopf nicht aufhören so zu agieren.

Genau das ist doch das Problem was sehr viele Multiple in den Jahren darauf haben, eben dass das Abspalten nicht so einfach abgestellt werden kann.

Persönlich glaube ich an eine Mindestanzahl von ~10 Anteilen, was nach oben völlig offen ist. Polyfragmentierte Systeme werden eine Zahl von 2 Anteilen sicherlich mit Schmunzeln betrachten.

Andererseits: Natürlich muss man mindestens aus zwei Anteilen bestehen um multiple zu sein. Praxisnah ist diese Zahl aber bei weitem nicht.

Weiter geht’s:

"Bei allen multiplen Persönlichkeiten treten Gedächtnislücken auf. So hat der Host meist nur teilweise bewussten Zugang zu den anderen Persönlichkeitszuständen und erinnert sich kaum an deren Handlungen oder das, was sie gesagt haben. "

Typischer Satz in den Medien.

Nein! Falsch! Es gibt Systeme die beträchtliche oder geringe Gedächtnislücken haben, aber noch lange nicht alle. Der weitaus häufigere Fall ist, dass ein gewisses Co-Bewusstsein bei dem Großteil besteht, wenn auch nicht immer in der Art wie es nicht multiple erleben.

Trotzdem ist es falsch zu behaupten, dass alle multiplen Amnesien zu ihren Anteilen haben oder die ganze Vergangenheit nicht wissen!

Genauso wie auch nicht alle Namen, Schriftarten, Kleidungsstil und Co. haben und erleben.

Viele multiple Menschen sehen "ganz normal" aus, verhalten sich nicht derart auffällig und höchstens in kleinen Indizien erkennt man vielleicht einen Unterschied.

Der letzte für mich kritisch zu betrachtende Absatz:

"Multiple haben große Schwierigkeiten, ihren Alltag zu bewältigen. Das liegt vor allem an den Zeitverlusten und Erinnerungslücken, unter denen sie leiden. Außerdem verwenden sie viel Energie darauf, andere Menschen nichts von ihrer Verwirrtheit und ihrem inneren Chaos merken zu lassen. "

Auch hier wird einfach übersehen, dass es unglaublich viele hochfunktionale Systeme gibt, die ihren Alltag, für andere Menschen, absolut normal leben.

Arbeit, zu Hause, Kinder, Haushalt, Garten, Hund und und und.

Dass dies ein immenser Kraft und Zeitaufwand ist, das wird da natürlich nicht erzählt und wie oft das auch mal schief gehen kann.

Selbstverständlich gibt es - so unterschiedlich alle Menschen eben sind - genauso Systeme die ihr Leben noch nicht so leben können wie sie es sich wünschen. Die allermeisten jedoch bemühen sich auf einen völlig normalen Alltag. Ob das die Arbeit in einer beschützten Arbeitsstelle ist oder die Therapie und somit die Arbeit an sich selbst ist dabei irrelevant.

Korrekt ist allerdings, dass sehr viel Energie zum Verstecken investiert wird.

Warum ist ja klar: der multiple Mensch entstand dadurch, dass er sich in Extremsituationen genauso adäquat anpassen musste. Diese Perfektion in der Anpassung mit anderen Menschen geht im Alter nicht verloren und ist für viele ein Garant für ein möglichst ruhiges/normales Leben.

Geschmunzelt habe ich aber über diesen Abschnitt:

"Häufig gelingt es dabei keiner ihrer Persönlichkeiten, wirklich die volle Kontrolle über den Körper zu erlangen und aufrechtzuerhalten. So wird das Sprechen oder auch Schreiben in diesen Zuständen nicht selten zum Wort-Salat. "

Wie wahr!

Wenn man mit einem multiplen Menschen spricht gibt es nicht selten mal längere Pausen mitten im Satz, mittendrin findet ein neues Wort seinen Platz in der Sprachlücke oder man hat herrlichen Sprachsalat.

Beim Schreiben habe ich es ehrlich gesagt -zumindest in Foren oder in Mails- noch nicht erlebt, denn genau dafür ist das Schreiben da: Man kann nochmal drüber lesen und bevor man etwas abschickt etwas korrigieren.

Ich wünsche mir sehr, dass differenzierter über Multiple berichtet wird und nicht immer nur die Huber-Multiple zitiert wird, sondern auch das Spektrum angerissen wird.

Linehme

 

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/sandra-maxeiner/satanismus-multiple-personlichkeit-rettet-leben_b_6045992.html