Selbstverletzung - selbstverletzendes Verhalten - selbstschädigendes Verhalten

Selbstverletzung - selbstverletzendes Verhalten - selbstschädigendes Verhalten

Das Thema Selbstverletzung ist für viele Betroffene von Dissoziationen, aber auch generell von traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit leider oftmals ein Thema, welches sich nicht so einfach aus dem Alltag ausblenden lässt.

Ich beziehe mich im Folgenden auf die aktuelle Situation von Betroffenen mit der Selbstverletzungsstruktur und klammere religiöse, kulturelle und andere Zusammenhänge völlig aus, da sie für mich in diesem Zusammenhang keine Relevanz haben.


Beginnen wir strukturiert:

1. Vorsätzliche Selbstbeschädigung (X60-X84)
2. Was zählt alles zu Selbstverletzung?
3. Wer verletzt sich selbst? (unter Bearbeitung)
4. Warum verletzen sich Menschen selbst? (unter Bearbeitung)
5. Wollen sich Betroffene Menschen suizidieren? (unter Bearbeitung)
6. Kann man autoaggressives Verhalten therapieren/heilen? (unter Bearbeitung)
7. Epidemie entnommen von Wikipedia.org:
8. „Pro-SVV“, positive Verbindung zum selbstverletzenden Verhalten: (unter Bearbeitung)
9. Was können Angehörige tun?
10. Selbstverletzendes Verhalten und Dissoziation:

1. Vorsätzliche Selbstbeschädigung (X60-X84)


Letztendlich ist diese Beschreibung der Verhaltensweise jene, welche von Ärzten und den meisten Betroffenen beschrieben wird und unter denen am meisten auf irgendeine Art gelitten wird. Dazu zählen rein die körperlichen Verletzungen, wie

• Vorsätzliche Selbstvergiftung durch und Exposition gegenüber Betäubungsmittel(n) und Psychodysleptika [Halluzinogene(n)], anderenorts nicht klassifiziert (X62)
• Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch scharfen Gegenstand (X78)

• Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Sturz in die Tiefe(X80)
[…]

Und somit kommen wir gleich zum nächsten Thema:

2. Was zählt alles zu Selbstverletzung?


Oftmals wird darüber diskutiert, was alles zur Selbstverletzung dazugehört und wo man das abgrenzen müsste. Ich persönlich sehe das folgendermaßen:
Die Diagnose sagt ganz genau aus, was als Selbstbeschädigung definiert ist und letztendlich versteht man darunter die körperliche Selbstschädigung. Psychische Selbstschädigung (wie „absichtliches in Gefahr bringen“, „körperliche Ausbeutung als ~Skill~ nutzen“) ist für mich eine andere Art der Selbstverletzung, die meistens aus anderen Gründen (Täterintrojekte etc.) genutzt wird.
Die typischen physischen autoaggressiven Verhaltensweisen sind:
• Verletzungen der eigenen Haut durch Schneiden (Glasscherben, Skalpell, Rasierklingen, Messer, Scheren, scharfe Gegenstände aller Art) an Armen, Beinen, Bauch, Brustbereich etc.

• Verletzungen ohne Gegenstände wie „Abknibbeln der Fingerspitzen / Nagelbett“, Aufreißen alter Wunden und Verhinderung der Wundheilung, Ausreißen von Haaren (Achtung: Extra-Diagnose Trichotillomanie!), Schlagen des Kopfes gegen Wände oder mit den Händen etc.

• Absichtliche Zuführung von Prellungen, Brüchen, Verbrennungen, Schrammen usw.

• extremer Sport bis zur totalen körperlichen Erschöpfung

• Einnahme von giftigen Stoffen, Schlucken von Rasierklingen / scharfen Gegenständen, Missbrauch von Medikamenten / Drogen mit Ventilhintergrund,

• Wangenkauen, Zähne zusammenpressen bis Krämpfe und Schmerzen entstehen

• Ich zähle auch Anorexie zu typischem selbstverletzendem Verhalten

…und so weiter…

 

Wie man sieht, es gibt eine unglaubliche Vielzahl an Arten und eigentlich kann man fast nichts ausschließen. Es gibt so viele Wege wie es Menschen gibt um sich selbst Schaden zuzufügen.


3. Wer verletzt sich selbst?


Sofern wir uns als Ursache die Erkrankung der Psyche vor Augen halten, kann man sagen, dass jegliche Arten von Traumatisierungen (Gewalterfahrung, Übergriffe sexueller Art, mentale Gewalt, Vernachlässigung, instabiles Verhalten des Umfeldes, Co-Abhängigkeit, kriminelle Gewalterfahrung, mit ansehen eines sterbenden Menschen, Beobachten derartiger Gewalt etc.) ein destruktives Verhalten auslösen können. 

 

Ich persönlich habe beobachtet, dass männliche Betroffene von Traumatisierungen öfters nach Außen agieren und somit fremdaggressiv werden, weibliche Betroffenedie Erschütterungen des Lebens an sich selbst auslassen und autoaggressiv werden.

So lässt sich insbesondere bei männlichen Betroffenen die Vielschichtigkeit der Ursache von Fremdaggression gar nicht immer so einfach aufdröseln und wird sicherlich zu 60% missinterpretiert.

In diesem Zuge muß ich natürlich auch die "typischen Diagnosen" die mit Autoaggression als Symptom oft einhergehen ansprechen:

 

- schizophrene Schübe oder Psychosen können selbstverletzendes Verhalten auslösen

- als begleitendes Symptom bei Bulemie, Anorexie oder Adipositas

- Körperschema-Störungen (das Bein gehört nicht zu mir!)

- emotional instabile Persönlichkeitsstörung

- Deprivation

- Pupertät, adoleszentes Alter

- usw.

 

Es gibt eigentlich keine direkte Alters-, Schichten-, Kulturgruppe, da des destruktive Verhalten meistens umschwenkt und vom sichtbaren Selbstverletzungen zu unsichtbaren Selbstverletzungen sich weiterentwickeln kann.

In Studien findet man oftmals Altersgruppen von 12 unter 30 Jahren, letztendlich glaube ich allerdings nicht ganz daran, da sich das erlernte Verhalten von Entlastung durch Schmerz in gesellschaftlich anerkannte "Methoden" weiterentwickeln kann.

 

Das Thema von kultureller Autoaggression lasse ich in diesem Kontext völlig aussen vor, da es mir als nicht passend und zugehörig erscheint.


4. Warum verletzen sich Menschen selbst?
(unter Bearbeitung)

5. Wollen sich Betroffene Menschen suizidieren?

(unter Bearbeitung)

6. Kann man autoaggressives Verhalten therapieren/heilen?

(unter Bearbeitung)

7. Epidemie entnommen von Wikipedia.org:



   ab ca. 11 bis 16 Jahre: 34 %

   16 bis 18 Jahre: 29 %

   18 bis 20 Jahre: 17 %

   20 bis 24 Jahre: 13 %

   über 24 Jahre: 7 %

Häufigkeit

   1 mal: 2 %

   25 bis 50 mal: 23 %

   öfter als 50 mal: 75 %

Aus persönlicher Erfahrung heraus kann ich diese Zahlen ungefähr bestätigen. Viele Betroffene von selbstverletzendem Verhalten befinden sich in der Adoleszenz-Phase ihres Lebens. Ich denke dies lässt sich zurückführen auf die mangelnden Möglichkeiten mit Gefühlen „gesund“ umzugehen, die erwachsene Menschen für sich bereits erlernt haben.

Auch ist für mich die Häufigkeit der Selbstverletzungen nicht ungewöhnlich, da ich das selbstverletzende Verhalten wie eine Sucht, eine Droge betrachte bzw. eine erlernte Struktur die in bestimmten Situationen / Gefühlszuständen als extrem hilfreich empfunden wurde.

Letztendlich habe ich die Erfahrung gemacht (unter Betroffenen und in Kliniken), dass sich das „typische autoaggressive Verhalten“ aus der Adoleszenz mit den Jahren/Jahrzehnten abmildert oder komplett verschiebt / aufhebt.

Ich denke es liegt daran, dass mit den Jahren die Betroffenen sich selbst besser kennenlernen und - sofern der Wunsch vorhanden ist aus dem Kreislauf auszubrechen - die Auslöser / Trigger bekannt sind und mit der Zeit früher eingegriffen werden kann oder man direkt ruhiger wird, da man sich selbst gut kennengelernt hat.

Natürlich ist das nur eine subjektive Einschätzung und jeder kann dies anders wahrnehmen.


8. „Pro-SVV“, positive Verbindung zum selbstverletzenden Verhalten:

(unter Bearbeitung)


9. Was können Angehörige tun?


Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, denn Angehörige können eine unglaublich wichtige Komponente für Betroffene von autoaggressivem Verhalten sein. Teils sind sie der Auslöser (bewusst oder unbewusst) und teils können sie Betroffene aus dem Verhalten rausheben und zu einer gesunderen Verhaltensweise bringen.

Wir beschäftigen und nun mit dem positivem Hintergrundgedanken, dass Angehörige helfen möchten:

  1. Einer der größten Fehler die gemacht werden können ist das autoaggressive Verhalten zu ignorieren, zu deckeln, totzuschweigen. Es ist ähnlich wie mit alkoholkranken Menschen: Das Deckeln und Schweigen kann schnell zu einer Co-Abhängigkeit führen oder das Verhalten sogar verstärken.
    Somit gilt für Angehörige: Sprecht es an, erklärt, was ihr seht und schweigt nicht darüber. Beim Sprechen darüber ist es wichtig trotzdem die Grenzen zu wahren und nicht in Vorwürfe („Hör auf dich zu schneiden sonst…“) zu verfallen.
    Am besten sind hier wie immer: Ich-Botschaften:
    „Mir ist aufgefallen, dass du häufig Verletzungen hast. Das macht mich traurig, weil ich das Gefühl habe, dass dies nicht zufällig passiert. Ist das so?“
    „Ich habe das Gefühl dir geht es oft nicht so gut und denke, dass dein Körper dafür ein Ventil ist – erlebe ich das richtig?“
  2. Ein gesundes Maß an Aufmerksamkeit. Oftmals ist das eine schwere Gradwanderung zwischen zu viel Aufmerksamkeit und zu wenig. Hier muss man als Angehöriger selbst gesund für sich und den Angehörigen entscheiden wie viel Platz / Raum das Thema Selbstverletzung im Alltag einnehmen darf und muss. Es ist wichtig das Verhalten nicht zu lapalisieren („Andere haben viel schlimmeres erlebt und müssen sich auch nicht ritzen.“) oder unnötig hochzuheben („Oh nein, das ist so schlimm, erzähl mir bitte immer davon wenn du es tust oder getan hast!“). Ein Mittelmaß ist eine Balance zwischen nötiger Aufmerksamkeit und einem guten Schuss Ruhe und Gelassenheit.
  3. Unterstützung und fester Halt – der Fels in der stürmischen Brandung.

Einer der großen Gründe für das destruktive Verhalten ist der fehlende Halt in der Familie / im Umfeld oder erschütternde Erlebnisse, die einen gesunden Halt in der Familie unmöglich machen.
Sich auf einen Menschen verlassen können, egal was passiert, wie schlimm eine Verletzung auch ist oder wie groß das Leid das einem wiederfahren ist oder gerade wiederfährt ist, gehört zu den ganz wichtigen Dingen im Leben eines jeden Menschen. Wenn der Betroffene jemanden hat an den er sich unumstritten und zu jeder Zeit (gesund!) wenden kann, zum Beispiel wenn man durch die Selbstverletzung ein Arzt zur weiteren Behandlung nötig ist oder der Druck größer ist, als es die Selbstverletzung noch ausgleichen kann (Suizidwunsch), ist das ein ganz großer Halt für den Menschen und kann zu einer großen Stabilisierung führen. Wichtig ist es hier, darauf ein besonderes Augenmerk zu haben und sich selbst zu reflektieren:
Bin ich ein gesunder Halt für den Betroffenen?
Gebe ich mich selbst für den Betroffenen auf?
Wo sind meine Grenzen wo die des Betroffenen?

Nicht vergessen: „Ich als Angehöriger lege dem Menschen nicht die Klinge in die Hand!“. Betroffene sind immer noch selbstverantwortlich für ihr Verhalten.

  1. 4.Jeder Ratschlag ist ein Schlag.
    Diesen Satz kann man generell im Hinterkopf behalten – nicht nur bei autoaggressiven Menschen. Jemand der dieses Verhalten nicht an sich beobachtet hat / Professioneller oder Gelehrter zu dem Thema ist, kann das sehr schlecht nachvollziehen und meistens sind die Ratschläge die gerne gemacht werden („Du brauchst einfach mal wieder ein Entspannungsbad! Geh doch raus ein wenig Joggen, das hilft mir auch immer wenn ich angespannt bin!“) alles andere als hilfreich und unterstützen eher noch das Gefühl bei Betroffenen ganz alleine mit dem Problem dazustehen und völlig unverstanden von den eigenen Angehörigen gesehen zu werden. Klar gibt es wie immer Ausnahmen, aber oftmals erlebe ich Betroffene, die sich hilflos und alleingelassen unter ihren Angehörigen mit dem Problem dastehen.
    Ich empfehle sich selbst in die Therapie (sofern ein Therapeut / Klinik vorhanden) miteinzubeziehen und Ideen holen oder gemeinsam erarbeiten, wie man als Angehöriger konstruktiv reagieren kann. Auch macht es durchaus Sinn sich durch Communitys / Foren / Chats zu diesem Thema mit anderen Betroffenen oder Angehörigen auszutauschen um konstruktive Idee zu sammeln und zu testen.
  2. 5.Hilfe zur Selbsthilfe für Angehörige: Unterstützungsangebote gibt es mittlerweile zu Hauf. Kliniken, Therapeuten, Bücher und Lektüren, Dokumentationen und Berichte, sowie Communitys für Angehörige und unzählige Websites die sich mit diesem Thema befassen können eine sehr gute Unterstützung für die Unterstützung sein!
    Die Suchmaschine kann helfen mit folgenden Begriffen:
    „Selbstverletzendes Verhalten“ + “Angehörige“

10. Selbstverletzendes Verhalten und Dissoziation:


Das autoaggressive Verhalten wird meistens in einem mehr oder weniger stark ausgeprägtem dissoziativem Zustand ausgeübt.
Beispiel:
„Auf einmal ertrug ich diesen ganzen Schmerz nicht mehr. Ich war in meinem Zimmer und stand wie von Sinnen getrieben auf. Ganz automatisch lief ich ins Bad und setzte mich auf den Rand der Badewanne. Völlig automatisiert griff meine Hand zur Rasierklingendose meines Vaters. Wie schon so oft nahm ich eine frische Klinge raus und starrte sie einen Moment an. Die ganze Welt um mich verschwamm, wurde dumpf und surreal. Ich wußte zwar was jetzt passieren wird, aber ich war unfähig etwas dagegen zu tun oder dagegen anzukommen – der Drang war größer. Ich nahm die Klinge in die Hand und drückte sie fest in meinen Arm. Ich spürte keinen Schmerz nur einen metallischen Geschmack im Mund. Es fühlte sich an, als würde all der Schmerz austreten und mit jeder Blutlinie lief ein Teil meiner Sorgen mit hinfort. Ich spürte Erleichterung, als würde ich durchschnaufen, ja fast so etwas ähnliches wie Glück. Nach 15 Minuten war alles vorbei und ich fand mich selbst auf dem Boden des Bades wieder.“
In diesem Beispiel zeige ich wie so ein dissoziativer, automatisierter Zustand aussehen kann, das gleiche lässt sich auch auf alles andere übersetzen, zum allgemeinem Verständnis spreche ich meistens von der Hautverletzung durch das Schneiden.

Genauso kann das Verhalten auch umgekehrt entstehen, indem die Selbstverletzung als Erdung von einem dissoziativem Zustand genutzt wird.
Beispiel:

„Ich war wieder in dieser Wattewelt drinnen und konnte nicht mehr raus. Die Realität wurde seltsam, ich verschwand gefühlt an die Decke des Klassenzimmers. Die lauten Stimmen von meinen Schulkameraden nahm ich nicht mehr wahr, ich war schon kurz davor völlig weg zu dissoziieren. Ich nahm meinen letzten Funken Verstand in die Hand und stand auf, brabbelte etwas von „Toilette“ und taumelte in eine WC-Kabine. Keiner war dort und mit alle Kraft knallte ich mit dem Kopf gegen die Wand. Der Schmerz holte mich urplötzlich zurück in die Realität und ich wurde sofort wieder klar im Kopf.“

In diesem Beispiel beschreibe ich die Selbstverletzung als notwendiges Ventil um aus Dissoziationen wieder herauszukommen.

Für multiple Menschen (Betroffene von DSNNS / DIS) kann es sogar so weit gehen, dass sie in der Dissoziation eine derartige Amnesie erleiden, dass ein anderer Teil von ihnen diese Zeit übernimmt und das eigene autoaggressive Verhalten in diese Zeitlücke miteinbringt. Meistens wundert sich der betroffene wieder „zu sich gekommene“ Teil über die Schäden am Körper und kann sie nicht zuordnen.

Es gibt auch Fälle von dissoziativem selbstverletzenden Verhalten wo nicht einmal die Wunden an sich erkannt werden. Quasi blendet der Kopf die Wunden am Körper direkt aus und kann sie nicht mit sich in Verbindung bringen oder überhaupt als jene bewerten.

In diesem Fall empfehle ich meistens mit einem Wattebausch über die Arme zu streifen und nachzusehen wo die Watte stecken bleibt und sich Fusseln bilden um eine weitere Wundversorgung zu ermöglichen.

 

©Linehme