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Dissoziation - Was ist das eigentlich?

Generell bedeutet die Dissoziation, eine Abspaltung und steht im direkten Gegenbezug zur Assoziation. Laut DSM-IV wird damit ausgesagt, dass die integrative Funktion des Bewusstseins im Bereich der Wahrnehmung, der Identität und des Gedächtnisses/der Erinnerung gestört ist.
Mit der Dissoziation hat die Psyche eine Fähigkeit bestimmte abgelegte Erinnerungen, Gedanken oder Handlungen vom Außen dem Bewusstsein unzugänglich zu machen.

Das Bewusstsein ist somit "abgespalten".

Jeder Mensch "dissoziiert"

Ein großer Unterschied ist die sogenannte Alltagsdissoziation im Gegensatz zur pathologischen Dissoziation.
Völlig automatisch werden bei Alltagsdissoziationen bestimmte Eindrücke ausgesondert und "wegdissoziiert", welche im Augenblick als unwichtig von der Psyche eingestuft werden. In Stresssituationen kennen viele Menschen das Gefühl von außen zu funktionieren und innerlich sich nicht richtig zu spüren. Dies ist eine völlig normale Reaktion einer gesunden Dissoziation, damit keine Reizüberflutung im Gehirn stattfindet.

Beispiel:
Du fährst jeden Morgen in die Arbeit, es ist immer die gleiche Strecke, immer die gleichen Häuser und Straßen sowie Autos die an dir vorbei ziehen. Manchmal kommt es dann vor, dass man -in der Arbeit angekommen- sich gar nicht mehr erinnert, was auf der Strecke passiert ist. Patu fällt einem nichts mehr dazu ein, ist was Besonderes passiert? War überhaupt Stau? Man weiß es nicht mehr.
Und genau hier greift die Psyche zur Dissoziation. Ständig sich wiederholende Ereignisse, die dem Gehirn schon längst bekannt sind, werden eventuell als unwichtig eingestuft und schlichtweg abgespalten. Wozu sollte sich der Kopf auch jede Szene merken, die auf eine gewisse Art eh schon bekannt ist?

Ein weiteres Beispiel:
Jeder war sicher schon mal im Kino. Man geht rein, findet einen Film, der einen interessiert und setzt sich auf seinen Kinosessel. Zu Beginn schaut man sich noch um, wer da alles mit sitzt, wer blödes Popcorn rumschmeißt oder besonders laut ist, einem die Sicht versperrt oder mit dem Handy nervt. Aber dann beginnt der Film. Anfangs kriegt man noch mit was da so um einen rum passiert, aber irgendwann, wenn der Film einen in seinen Bann zieht, aufeinmal ist man mittendrin. Verschwimmt mit dem Charakter im Film und kann sich vielleicht sogar völlig reinversetzen. Man nimmt die Umgebung nicht mehr wahr und auch hier dissoziiert man.

Im schlimmsten Fall von typischer Alltagsdissoziation erlebt man sich oder seinen Mitmenschen als ziemlich vergesslich oder recht zerstreut. Viele neigen zu vielen und intensiven Tagträumen und haben Schwierigkeiten wieder zurück in die Realität zu finden. Im anderen Extrem gibt es genauso auch Menschen, die eine sehr niedrige Dissoziations-Fähigkeit besitzen und dann oftmals zu leichten Reizüberflutungen neigen.

Das sind alles gesunde Arten der Dissoziation!

Dissoziation und Psychotraumattisierung - die pathologische Dissoziation

Traumatisierung in der Kindheit
Kinder besitzen meist von Beginn an die Fähigkeit zur Dissoziation um Erfahrungen die sie mit der Umwelt und sich selber machen gesund zu verarbeiten. Viele Kinder können sich so in eine Sache vertiefen, dass alles außen rum verschwimmt und man öfters mal ihren Namen rufen muss, damit sie wieder zurück aus ihrer Welt kommen. Das ist ein gesundes Verhalten, wird aber gerne mal versucht zu unterbinden von den Eltern.

In einer traumatischen Situation, wo also weder Flucht noch Angriff, noch sonst irgendeine Möglichkeit besteht aus der existenziell bedrohlichen Situation auszusteigen, wird Dissoziation insbesondere von Kindern (da noch wenig Auswahlmöglichkeiten zum wehren bestehen) oft genutzt und jene Bedrohung wird fast vollständig vom Bewusstsein ferngehalten um weiterhin zu funktionieren bzw. am Leben teilzuhaben. Verarbeitet wird das in diesem Moment jedoch nicht.

Dieser Vorgang ist keine Störung oder eine Anomalität sondern eine sinnvoll angelegte biologische Abwehr/Schutzreaktion auf gravierende traumatische Lebensereignisse. Schwierig wird es im Alltag, da sich diese Situationen die auf irgendeine Art und Weise abgespalten sind nicht in den typischen Alltag passen.

Und genau hier kommen wir zum Problem.
Wenn der Grundstein zum Beispiel in der Kindheit gesetzt wird, die Dissoziation als wirkungsvolle Methode erachtet wird (unterbewusst) und somit immer wieder verwendet wird in traumatischen Situationen, kann es sein, dass dies auch in den zukünftigen Jahren ein ständiger Begleiter wird.
Quasi wird diese Fähigkeit unbewusst trainiert und findet auch bei nicht hochtraumatischen Situationen Anwendung, da die Psyche das so gelernt hat.

Natürlich muss dies kein Regelfall zu Dissoziations-Symptomen im Alltag und im späteren Leben sein.

Wie wird Dissoziation wahrgenommen?

Hierzu ein paar Eindrücke von Forenmitgliedern, die das sehr gut beschreiben:

"Ich ertrage es einfach schlecht wenn ich nicht die absolute Kontrolle habe und wenn ich dann schon merke wie ich irgendwie innerlich wegfliege...da werde ich manchmal sauer, also im Nachhinein. [...] Kommt mir trotzdem immer so alienartig vor, so surreal alles..."

"Furchtbar wenn ich die Kontrolle verliere und merke wie sich ein Abgrund auftut in den ich versinken drohe. Meist schaffe ich es durch destruktive Arten die Kurve zu bekommen, doch wenn ich es nicht schaffe, dann merke ich richtig wie ich wegsinke nach hinten, heiß kalt, heiß kalt, alles schwammig im Außen, fokussierte Wahrnehmung, eine Art Zwischenwelt zwischen Außen und innen. Dann komme ich erst später wieder zu mir und muss aufsammeln was passiert ist oder aber ich hänge in der Schwebe und sehe, beobachte was passierte ohne eingreifen zu können. Für mich beides sehr sehr unangenehm, denn in beiden Dingen habe ich nicht die Kontrolle über mich, was mich oft verzweifeln lässt..."

"Ich erlebe es auch so, dass ich mich dann ganz weit weg fühle, mehrere Meter über mir und nur noch zuhöre, zusehe, was ich da "unten" tue oder erzähle. Das ist schrecklich, finde ich, vor allem eben, weil ich keine Kontrolle mehr habe. Schlimm daran finde ich vor allem, weil ich diese Zeiten so schwerrekonstruieren kann, somit nicht sicher sein, wie ich gewirkt oder was ich gesagt habe. "

"Hm, ich empfinde das als Wegkippen, als nach hinten weggezogen werden, oder auch als zerfließen. Alles ist weit weg."

"Es gibt das Empfinden, in einem Strudel nach unten gezogen zu werden. Es gibt das Empfinden, alles wie durch Milchglas zu sehen. Es gibt das Empfinden, zu schrumpfen- die Proportionen werden ganz komisch. Es gibt das Empfinden, sich nicht mehr von alleine bewegen zu können. Es gibt das Empfinden, außerhalb des Körpers zu sein. Es gibt das Empfinden, das im Kopf eine Tür klappt und eine andere Realität sich öffnet."

"Meist jedoch habe ich das Gefühl weit weg zu sein, alles wie durch Watte sehen aber nicht eingreifen zu können. Stehe dann irgendwie neben mir und sehe zu. Bekomme dann aber eben leider nicht alles mit, sondern eher nur so einen groben Ueberblick (milchig, schwammig). Die Kontrolle fehlt und ich sehe mich zwar z.B. schimpfen, weiss aber eigentlich nicht, was da ab geht und fühle eher, dass ich diejenige sein muss, die da schimpft (oder lacht oder weint)."

"Bei mir ist es manchmal so, dass ich es genau kommen spüre, v.a. wenn intensive Gefühle da sind, dann merke ich, wie sich das Gefühl steigert und dann mit einem Mal, als wenn ein Schalter umgelegt werden würde, ist das Gefühl weg und ich frage mich, weswegen ich mich gerade noch so aufgeregt oder gefreut oder geweint habe. Ich bin dann in so einer Art Beobachterperspektive und höre meine Stimme und frage mich, zu wem die gehört oder sehen meinen Körper da sitzen, stehen und kann nicht eingreifen. "

Allgemein lässt sich also feststellen, dass man sich selber in diesem Moment losgelöst wahrnimmt, die Realität und das Empfinden derer verschwimmt und seltsam verschoben wirkt.

Weitere dissoziative Phänomene:
Dissoziative Amnesie, Derealisierung, Depersonalisierung, Dissoziative Fugue, somatoforme Dissoziation, Immobilitätsreaktion, Flashback