Konflikt der 2 bis X Welten

Es ähnelt der dissoziativen Identitätsstörung in ihren Grundzügen, der Wechsel zwischen den Rollen eines Menschen mit Ego-State-Disorder. Es ist kein Krieg der Welten die in einem Menschen mit der Störung wütet, vielmehr sind es parallele Universen, die nebeneinander her existieren, jedoch immer nur eine der Welten im Außen erscheint. Kryptisch klingt das alles, schwierig zu beschreiben, aber es gibt genügend Menschen, welche sich in der DIS nicht "zu Hause" fühlen. Nicht "angekommen" erleben, wo sich vieles ähnelt, aber letztlich die Beschreibungen nicht passen zum eigenen Erleben.

Machen wir ein Gedankenexperiment um die Situation von Menschen mit ESD etwas näher zu beschreiben:

Markus ist ein gesunder Mensch. Er kommt auf die Welt, erlebt ein herzliches Willkommen bereits als Baby. Im Laufe seines Lebens lernt er die elementaren Dinge, auf die es in der Gesellschaft - in welche er sich integrieren muss- ankommt: Gut und Schlecht. Die Facetten dazwischen. Richtig und falsch. Er lernt liebe und gemeine Menschen kennen und manchmal auch welche die erst lieb sind, dann gemein. Markus lernt in der Schule sich zu integrieren, seine Familie hilft ihm immer dabei. Die Familie, der Fels in der Brandung. Seine Weltordnung ist klar strukturiert und auch wenn er manchmal gerne über die Stränge schlägt: Seine Identiät hat er noch nie in Frage gestellt, seine Weltordnung ist immer gleich.

Markus ist also unser Mustermensch, er hat gelernt wie die Welt tickt und welche Rolle er dabei spielt. Er hat sich kennengelernt im Leben, lernt mit jeder Situation wie er selbst auch ist. Er hat ein Universum: Sein eigenes.

Michael ist ein Mensch, der schon zu Beginn einen schlechten Start hatte. Er war unerwünscht, seine Geburt ein notwendiges Übel. Sein Vater trennte sich wenige Tage vor der Geburt von Michaels Mutter. Seine Mutter verachtet ihn und lässt das Baby es von Beginn an spüren. Eine postnatale Depression der Mutter lässt das junge Leben Monate ohne Zuneigung aufwachsen. Im Laufe seines Lebens lernt er, dass er nichts zu melden hat. Sein Erleben ist grundlegend falsch, weil er als Person bereits -falsch ist. Er hat keine Liebe und Zuneigung der Eltern erlebt, lediglich seine große Schwester versucht ab und zu etwas gut zu machen. Sexueller Missbrauch ließen sein Bild der Welt dermaßen erschüttern, dass er eine eigene Ordnung in seine unsichere und bedrohliche Welt bringen muss. Michael muss lernen die Stimmungen seiner Mutter genau zu deuten und dementsprechen zu "sein", zu handeln und zu agieren, damit sie nicht ihren Hass über ihn erbricht. Er entstehen viele Wahrheiten in seiner Welt.

Michael ist somit unser Mensch mit einem zerrütteten Welterleben. Er muss viele Weltordnungen erschaffen um in seinem Umfeld überleben zu können, denn nur durch diese verschiedenen Ansichten der Welt kann er bei seiner höchst launischen und depressiven Mutter bestehen.

Im Gegensatz zu unserem gesunden Markus, der in einer Weltordnung lebt, ist Michael ständig darauf bedacht aufzupassen welche Regeln und welche Ordnungen gerade gebraucht werden um zu überleben. Es sind Wie mehrere Welten ineinander, welche sich auf Bedarf / Trigger / Notwendigkeit öffnen.

 

Quelle: kirkum2020

 

Auszug aus einer realen Situation mit Joshua:

Joshua hat sich selbst mittlerweile besser kennengelernt. Sich und seine States, seine Teile die zu ihm gehören und doch nicht ganz integriert sind in sein ganzes Ich.

Grundlegend hat sich seine diagnostizierte soziale Phobie nicht verändert und bestimmt auch die Antipathie gegenüber anderen Menschen. Eigentlich ist Joshua ein ungewollter Eremit, hat Gewaltvorstellungen, Probleme mit sozialen Interaktionen und gesellschaftlichen Floskeln.
Umso überraschender ist für Außenstehende den folgenden Auszug aus seinem Leben:

Ich spielte am Computer, zockte, Spiele, durchforstete Webseiten nach neuen Inhalten, Wissen, Lustigem, Spannendem.
Als ich in die Küche ging - es war schon dunkel, finster düster draußen -, bemerkte ich lautes Palaver. Es kam von draußen, meine Ohren spitzten sich sofort. Alarmbereitschaft. Ich wurde aus meinem Trott rausgerissen, meine Neugier ließ mich ausfinden, wo das Gelächter, Gebrülle herkam. Ich sputzte aus meinem Fenster. Mein Gefühl täuschte mich nicht, da passiert etwas draußen.

Sofort switchte meine Innenwelt. Meine Wahrheiten über Menschen veränderten sich blitzschnell.

'Da, schau hin, du siehst das, da braucht jemand Hilfe!' dröhnte ein Teil von mir.
Von meinem Küchenfenster aus ergab sich mir ein schreckliches Bild: Zwei Jugendliche brüllten einen Jüngeren an, stritten, lachten, der Jüngere hielt eine abwehrende Haltung gegenüber der zwei großen übermächten Jugendlichen. Sie bedrohten ihn, bäumten sich auf und dann passierte es. Sie schlugen auf ihn ein.

Ich schnappte mir meine Machete, welche ich immer griffbereit unter meinem Bett aufbewahrte, hielt den Griff fest umschlossen.
'Da passiert Ungerechtigkeit. Da braucht jemand Hilfe. Mir hat nie wer geholfen, das will ich ändern, diesmal nicht. Diesmal werden sie sich umsehen, diese miesen Bastarde. Wie können Sie es wagen einem anderen in der Überzahl. .’. Noch während sich meine Welt erneut änderte, die Wahrheiten von Menschen, die die ich alle nicht leiden mag und kann, liefen meine Beine in das Szenario, welches sich in einem Gang, einem dunklen Gang, einem regelrechten Gässchen abspielte.

Ich blickte zu dem Jungen am Boden und fragte in völliger Selbstsicherheit: "Brauchst du Hilfe?" - meine Machete erhoben. Die zwei durchaus größeren und imposant wirkenden Jungen starrten völlig aus -ihrem- Trott rausgerissen auf meine drohende Waffe.
Stille. Mächtige Stille und die Macht strahlte von mir aus.
'Ich beschütze ihn, komme was da wolle' dachte ich zum Jungen auf dem Boden. Die Jungen rannten wortlos weg.
Ein kurzer Blick dem Übel hinterher und ich ging wortlos zurück in mein Haus.

Meine Welt änderte sich wieder. Ich setzte mich an meinen Rechner, als wäre ich nur kurz aufgestanden um mir etwas zu trinken zu holen.
'Alles wie immer' dachte ich und surfte weiter im Netz.

Die Ego-State-Disorder beschreibt diese Rollen in ihrer Inkongruenzheit. In unserem Beispiel von Joshua prallen hier zwei Welten aufeinander. Weltordnung A in der alle Menschen verabscheut werden und somit "schlecht" sind, welches sich auch mit der sozialen Phobie erkennen lässt und Weltordnung B in der es durchaus ein "Gut" und "Schlecht" gibt, das Gute beschützt werden muss und das Schlechte bestraft.

Menschen mit einem gesunden Ich-Gefühl geraten nicht in solche Weltordnungskonflikte.