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Irrtümer rund um das Thema "multiple sein"

"Ich habe viele Facetten und kenne die Rollen in die doch multiple schlüpfen, oder?"
1.Die alles entscheidende Frage: "Bin ich multipel?"

Irgendwann kommt diese Frage, wenn man sich Fachliteratur angelesen hat oder Kontakt mit Multiplen hat.
Man sieht die Symptome, liest sich durch Internet-Beiträge und stellt erschrocken fest: Das trifft auch auf mich zu!
Erst mal: Ruhig Blut. Wie bei vielen psychischen Störungen passt alles irgendwie und man kennt vielleicht viele Facetten einer psychischen Störung, das heißt aber nicht, dass man multipel ist.

Das schwierige ist vor allem das Differenzieren: Sind die Rollen die ich annehme (Mutterrolle, Arbeitsperson...) eigenständige Persönlichkeiten oder Anteile?

Jeder Mensch nimmt viele verschiedene Rollen in seinem Leben an.

Beispiele:
Die Geschwisterrolle
Als Schwester oder Bruder von Franziska bin ich immer ein zuhörender, frecher Teil von mir, ich leihe gerne etwas aus und quatsche gerne mit meinem Geschwister-Teil. Ich bin, wenn ich mit dem Geschwisterteil rede immer ehrlich, freundlich und hilfsbereit.

Die Mutterrolle
Als Mutter bin ich immer fürsorglich, reagiere immer geduldig und liebevoll, sage auch mal Dinge die nicht so sind, welche aber mein Kind schützen oder es unterstützen.

Die Vaterrolle
Als Vater bin ich gerne dominant und zeige, was getan werden muss und was noch Zeit hat. Ich bestimme gerne den Alltag und versuche mein Kind durch Erziehungsmaßnahmen auf den richtigen Weg zu bringen!

Die Arbeitsrolle
Als Arbeitnehmer versuche ich immer pünktlich zu sein, versuche dem Chef alles recht zu machen und bin eher ein rezessiver Mensch.

Die FreundInrolle
Als guter Freund helfe ich Marius immer wenn er anruft. Ich unterstütze ihn, geh mit ihm einen trinken und helfe ihm aus misslichen Lagen. Ich bin auch öfters mal unpünktlich, weil bei ihm ich mir das erlauben kann. Aber ich weiß, wir können auf einander zählen, wenn was ist.

Die Kinderrolle
Wenn ich bei meinen Eltern bin, lasse ich gerne mich ein wenig betüteln und gebe auch die Kontrolle ab. Ich vertraue meinen Eltern und nehme gerne Ratschläge von ihnen an!

Dies sind dir bekannte Rollen von dir selbst? Das kennst du?
Vielleicht trifft nicht alles auf dich zu, jedoch so oder in der Art kennt es wahrscheinlich jeder Mensch.
Das ist völlig normal! Natürlich ist man, wenn man arbeitet ein anderer Mensch zu den Arbeitskollegen, als wenn man auf einer Party mit Freunden ist. Das gehört zu einer völlig natürlichen Art der "Abspaltung" mit dem Unterschied, dass du automatisch in diese Rollen schlüpfst und alle Rollen nicht autark voneinander existieren und leben.


"Ich denke auch ziemlich laut im Kopf, ich glaub ich bin multipel!"
2.Symptome, welche oft als multipel gewertet werden:

"Stimmen hören"
Es ist gut möglich, dass du deine Gedanken als Stimmen wahrnimmst, wie zum Beispiel guter Engel und böser Teufel. Dies gibt es bei vielen Menschen und wenn man mal genauer nachfragt versteht man, dass man damit gar nicht alleine ist.
Oftmals redet man im Kopf mit sich selbst und diskutiert vielleicht einige Dinge aus, jedoch gibt es auch hier Unterschiede zu dissoziativen Störungen. Jedoch um sich wirklich sicher zu sein, dass dies eine normale Erscheinung ist: Unbedingt mit einem Arzt darüber reden!

Falsche Erinnerungen
Zum Thema falsche Erinnerungen, bzw. induzierte Erinnerungen gibt es einige Seiten, welche das besonders gut beschreiben. Hierzu sei das Thema False-Memory-Syndrom ein wichtiger Begriff.
Es ist möglich, dass man sich selber in falsche Erinnerungen reinsteigert (auch durch Hand von Therapeuten!), obwohl vielleicht tatsächlich nichts dergleichen passiert ist, sondern "nur" die Symptome einer traumatischen Erinnerung wahrgenommen werden und man daraufhin schlussfolgert eine schwere Trauma-Situation erlabt haben zu müssen. Dies ist nicht immer die Wurzel des Übels und ich verweise hier auf die Seite von Wüstenfrühling, welche sehr offen mit dem Thema umgeht: http://www.repage6.de/member/sihaya/falscheerinnerungen.html


"Gesunde" Amnesien
Jeder Mensch erlebt gesunde Amnesien. Dinge wie:
"Ich weiß nicht mehr, ob eine Baustelle auf dem Weg zur Arbeit gewesen ist"
oder
"Ich hab keine Ahnung mehr, was ich gestern gegessen habe"
sind völlig normale Amnesien. Das Gehirn selber nimmt nicht alle Informationen auf und sortiert quasi die wichtigen und die unwichtigen Ereignisse. Bis dies ein "krankhaftes Verhalten" wird, bzw. bis es zu einer direkten Abspaltung wird, ist es eine andere Sache. Überlege genau: Wie stark stören dich deine Amnesien im Alltag, wie sehr behindern sie deinen "normalen Gang"! Auch hier führt kein Weg an einem fachspezifischen Menschen vorbei.

Imaginäre Gefährten
Tatsächlich haben viele Menschen in ihrer Kindheit imaginäre Freunde oder Gefährten gehabt, wissen wie sie ausgesehen haben und das es tatsächlich imaginäre Freunde waren.
Dies ist auch völlig in Ordnung und nicht als krankhaft / alltagsbeeinträchtigend zu bezeichnen. Wichtig wäre es bei diesem Punkt festzustellen, inwiefern sie tatsächlich der Phantasie entsprungen sind und wieweit sie Einfluss auf dich selber hatten.

Menschen nicht wieder erkennen
Es gibt viele Menschen, welche einfach ein schlechtes Gesichts-Erinnerungsgedächtnis haben und aufgrund dessen sich schlecht Menschen und deren Zugehörigkeit merken können. Meistens kommt aber die Erinnerung an den Menschen im Laufe des Gesprächs und viele "Klick"-Momente setzen ein.
Wenn jedoch diese Menschen einen mit einem völlig anderen Namen anreden, man selber keinerlei Erinnerung an jene hat, sollte unbedingt mit einem Psychotherapeuten / Nervenart darüber gesprochen werden!

Das innere Kind, innere gesunde Anteile
Was sagt uns Wikipedia.org zu diesem Thema: Das „Innere Kind“ gehört zu einer modellhaften Betrachtungsweise innerer Erlebniswelten, die durch Bücher von John Bradshaw und Erika Chopich/ Margaret Paul bekannt wurden. Es bezeichnet und symbolisiert die im Gehirn gespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit. Hierzu gehört das ganze Spektrum intensiver Gefühle, wie unbändige Freude, abgrundtiefer Schmerz, Glück und Traurigkeit, Intuition und Neugierde, Gefühle von Verlassenheit, Angst oder Wut. Das Innere Kind umfasst alles innerhalb des Bereiches von Sein, Fühlen und Erleben, welches speziellen Gehirnarealen zugeordnet wird.[1] S. 20/21  Die Arbeit mit dem inneren Kind funktioniert nach dem Prinzip der beabsichtigten, bewussten, therapeutischen Ich-Spaltung zwischen dem beobachtenden, reflektierenden inneren Erwachsenen Ich und dem erlebenden inneren Kind.

Das heißt vor allem, dass eigentlich jeder Mensch eine Art "inneres Kind" hat und vielleicht kindliche Züge von sich kennt (Eisenbahn spielen, heimlich Dinosaurier toll finden). Dies bedeutet aber nicht gleich, dass man einen abgespaltenen kindlichen Anteil oder eine abgespaltene Persönlichkeit hat, sondern, dass man immer "eins" ist, mal eben kindlicher, mal mehr verantwortungsbewusst usw.


3."Ich kann nur multipel sein, wenn ich das schlimmste der Vorstellungskraft erleiden musste!"

Ein Trauma ist ein Trauma, dies Mal vorneweg. Ein selbsterlebtes Trauma kann nicht mit anderen Traumata von anderen Menschen verglichen werden. Es kann also durchaus möglich sein, dass man sich als Kind die Überlebensstrategie: Abspaltung zu Nutze gemacht hat, auch wenn man weder aus einer Kult-Vergangenheit kommt noch ähnlich sehr schwere anhaltende Traumata überleben musste. Jedoch führt nicht jedes Trauma zum "viele" sein, das kommt auf jeden Menschen selber an und es gibt so viele Wege wie es Menschen gibt.


Schwimmende Übergänge zwischen Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, PTBS, Psychosen, Medikamenteneinwirkung und der dissoziativen Identitätsstörung / DSNNS + Abstufungen (allgemein "sich viele fühlen").

(unter Bearbeitung)