Artifizielle dissoziative Identitätsstörung

"Artifizielle" dissoziative Identitätsstörung // Pseudo - dissoziative Identitätsstörung

 

Vorwort

Betroffene von Traumafolgestörungen, Begleiter und Unterstützer oder Psychotherapeuten und Klinikpersonal sehen sich mit Symptomen wie Dissoziation, Wechselhaftigkeit, unterschiedlichsten emotionalen Zuständen und begleitender Symptomatik konfrontiert.
Aus unterschiedlichsten Gründen, kann eine dissoziative Identitätsstörung falsch diagnostiziert werden oder man kann sich selbst damit bewusst oder unbewusst identifizieren. Bei körperlichen Diagnosen, ist als Betroffener es ggf. einfacher mit einem Diagnosewechsel / einer Diagnosekorrektur umgehen als bei einer psychischen Diagnose.

Viele Menschen mit Mono- oder Polytrauma in der Lebensgeschichte versuchen sich zu orientieren, Zusammenhänge zu bilden und Schritte zum individuellen "Heil-werden" zu gehen.
Trauma-Überlebende kämpfen mit vielseitigen individuellen Symptomen, die manchmal schwer zuzuordnen oder in Zusammenhang zu bringen sind. Die Suche nach Antworten für das eigene Erleben, Zugehörigkeit und Verbundenheit ist verständlich.

Oftmals erleben sich Trauma-Überlebende von sich losgelöst (Depersonalisation oder Derealisation), ungewöhnlich unterschiedlich in Situationen agierend, konfrontiert mit Flashbacksituationen, "gefangen" in alten Gefühlszuständen.
Diese Entfremdungserlebnisse können für den Betroffenen und das (psychotherapeutische) Umfeld irritierend wirken und es wird nach Erklärungsmodellen gesucht.

Auch Menschen ohne Traumafolgestörungen kommunizieren und leben nicht in einer immer gleichen und einheitlichen Identität und zeigt unterschiedliche "Gesichter" (siehe hierzu Jeder ist multipel?).

Beispiel: Karl ist in der Arbeit ein zuverlässiger Kollege, arbeitet organisiert, ruig / unauffällig und strukturiert. Freitags geht Karl immer mit seinen Freunden abends in eine Disco, feiert gesellig, hat spontane Ideen und wirkt nicht mehr wie der Arbeits-Karl.
Karl weiß jedoch, wenn eine Arbeitskollegin bei der Freitags-Sause ihn erinnert wie er in der Arbeit ist, dass er das auch ist, eben beides sein kann und dies unterschiedliche eigene Verhalten ist für Karl in Ordnung.

Durch die Möglichkeit im Internet nach Informationen zum eigenen Erleben zu suchen, Selbstdiagnose-Tests zu unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen, fragliche Gruppierungen in sozialen Medien und Co. (Stichwort "PluralPride"-Bewegung von 2018 bis heute, einige Video-Kanäle), kann die Faszination und Internalisierung der DIS verstärken.
All dies kann den Weg zur passenden Diagnose erschweren (aber auch erleichtern) und dem Weg zum Umgang mit traumatischen Erlebnissen, deren Folgestörungen und das individuelle Heil-Werden mit Steinen belasten.

Es ist wichtig über dieses unangenehme und emotionsgeladene Thema zu sprechen und aufzuklären.

Unterschiede



Der hilfesuchende Mensch / Patient findet sich in der Diagnose DIS wieder und identifiziert sich mit Betroffenen einer DIS, ohne die Diagnose gesichert zu haben.
Oftmals besteht oder bestand zuvor intensiver Kontakt mit Betroffenen einer diagnostizierten DIS, bewusst oder unbewusst verhält man sich "plötzlich" ebenso.
Überschneidungen der eigenen Lebensgeschichte und Symptome werden gesucht und sicherlich auch gefunden, da die Symptome sich oftmals mit anderen Diagnosen kreuzen und Traumafolgestörungen sich in vielen Bereichen ähneln.

Frau Bluhm-Dietsche beschreibt [3] unterschiedliche Formen der (artifiziellen) DIS in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild.

Unteranderem beschreibt sie zwei für mich relevante Formen:


Echte DIS plus histrionische Persönlichkeit (-Struktur? -Störung?)

- Histrionische Ausgestaltung verschiedener Anteile
- ggf. hohe narzisstische Besetzung der dissoziativen Fähigkeiten
- ggf. offene und histrionische Präsentation der "Anteile" ("Guten Tag, wir sind das Feen-Volk. Wir sind multipel und haben 117 Anteile. Kennen Sie sich damit aus?"
- ggf. hohes interaktionelles Potential
- ggf. Mitagieren eines faszinierten professionellen Helfernetzes

Pseudo-DIS

Imitierte DIS: Patienten, die - teils unbewusst motiviert - das DIS-Symptomprofil nachmachen (simulieren):
- Durch Ansteckung (viel Kontakt und Austausch mit Patienten die eine DIS-Diagnose haben)
- Iatrogen (durch TherapeutInnen, die unsachgemäße Hypnose anwenden und / oder ein übermäßiges Interesse an Dissoziationsphänomenen und am Vorhandensein anderer Persönlichkeitsanteile zeigen)
- Oft Kombination von Ansteckung und Iatrogenität 

Factitious DIS: bewusstes, mehr oder weniger absichtsvolles Nachmachen für "innere" Vorteile mit zwei Grundmotiven:
- Zum Ausfüllen innerer Leere (bei z.B. vorliegender Borderline-Symptomatik oder anderer Identitätsstörungen, z.B. "Als-ob"-Persönlichkeiten): Rigides, starres Präsentieren, "flach", keine anschauliche Schilderung der Symptome, fassadenhaft, kochbuchartig. Kommunikation im teleologischen Modus; Mentalisierungsschwäche!
- Attention-Seeking bei zugrundeliegender narzisstischer Störung: Nicht-gesehen-worden-sein. Meist histrionische Ausgestaltung

Aus meiner Erfahrung als langjährige Begleiterin von betroffenen Menschen mit der gesicherten Diagnose (p)DIS, habe ich keine Betroffenen der DIS mit histrionischer Persönlichkeit [5] kennengelernt.
Wohl aber erlebe ich insbesondere im Internet (soziale Medien, Austauschplattformen allgemein etc.) einen Zuwachs von Darstellungen der DIS, welches Frau Bluhm-Dietsche in der echten DIS + hist. Persönlichkeit darstellt, bestätigt.

Gründe


Warum wird eine dissoziative Identitätsstörung falsch diagnostiziert oder falsch selbst-diagnostiziert?
Bei einer unterschwelligen DIS sind sämtliche Gedächtnisinhalte jedem Teil von sich selbst zugänglich und fast immer erinnerbar. Jedoch rücken die Erfahrungen, emotionalen Reaktionen je nach Situation und innerem Zustand (bspw. Arbeits-Karl) nach vorne oder nach hinten.
Dies kann in einigen Fällen zu sehr stark abweichendem Verhaltensmuster führen [1]. Es ähnelt der (p)DIS teilweise, jedoch sind die Ego-States (siehe Beitrag: Ego-States, Anteile und Innenpersönlichkeiten) als Dimensionen der eigenen Persönlichkeit keine eigenständige Teilpersönlichkeiten, also dissoziierte Anteile im Sinne einer (p)DIS.

Die Überschneidungen zwischen den verschiedenen Dissoziations-Graden lassen sich gut in der strukturellen Dissoziation begreifen. Jedoch ist dieses Konzept für einen Hilfesuchenden nicht so einfach zu verstehen und daher ist die Gefahr einer falschen Selbstdiagnose groß.

  Ein kurzer Überblick zur strukturellen Dissoziation [6]:
1. Primäre strukturelle Dissoziation
Hierunter fallen bspw. klinische Diagnosen wie die akute Belastungsstörung oder posttraumatische Belastungsstörung: Ein ANP (annähernd normale Persönlichkeit, das funktionierende Alltags-Ich) und ein EP (emotionaler Persönlichkeitsanteil, das traumatisierte hoch-emotionale Ich)
2. Sekundäre strukturelle Dissoziation
Darunter fallen bspw. die Diagnosen komplexe posttraumatische Belastungsstörung, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Borderline-Typus, nicht näher bezeichnete dissoziative Störung (DDNOS): Ein ANP und mehrere EPs (hoch aggressiver Ich-Zustand, unterwerfender Ich-Zustand usw.)
3. Tertiäre strukturelle Dissoziation
Dies ist die dissoziative Identitätsstörung in ihrer vollen Ausprägung: Es existieren mehrere unterschiedliche ANP´s mit jeweils unterschiedlichen EPs, je nach Dissoziations-Barriere sind die Amnesien größer zueinander oder geringer (Thema Co-Bewusstsein).

Diese Unterscheidungen im Dissoziations-Spektrum machen für mein Verständnis hochgradig Sinn und erklärt auch gut, warum sich ein Betroffener von Dissoziations-Phänomenen selbst schlecht in diesem Bereich einschätzen kann, denn die Unterschiede sind oftmals nur von einem versierten Arzt unterscheidbar.

Falsch-Positive DIS-Diagnose
Eine Diagnose muss nach wissenschaftlichen Methoden standhalten können um bspw. in ein Krankenhaus aufgenommen zu werden, ambulante Weiterbetreuung zu erhalten oder im Rahmen des gesetzlichen Abrechnungssystems (G-DRG) Kosten zu übernehmen.
Eine Diagnose aus der Alternativmedizin oder einem nicht approbierten Arzt, bzw. eine Selbstdiagnose ist im Gesundheitssystem ohne "Folge", das bedeutet sie hat keine Relevanz für Kostenübernahmen, Klinikbesuche und Co.

Welche Gründe haben approbierte Ärzte die Diagnose DIS zu stellen, obwohl sie nicht vorliegt?
Einige Themen wie bspw.: Das gesamte Dissoziations-Spektrum, Traumafolgestörungen und Co. haben bei vielen Ärzten keine große Bedeutung oder nur eine Randbedeutung im Studium eingenommen.
In der Wissenschaft sollte man als Arzt immer wieder sich selbst schulen, Weiterbildungen besuchen und auf einem möglichst aktuellen Stand sein. Nicht allen gelingt der Spagat zwischen neuen Erkenntnissen in der Psychologie / Diagnostik und dem typischen (bürokratisch aufwendigen) Patienten-Alltag.
Schwere dissoziative Störungen haben fast immer (ggf. verdeckte) traumatisch erlebte Situationen als Wurzel im Hintergrund. Als Erklärungsmodell für dissoziative Symptome kann die DIS somit vorschnell gewählt werden.

In manchen Fällen identifiziert sich ein Patient mit der dissoziativen Identitätsstörung. In diesem Fall ist es unerfahrenen Therapeuten und Ärzten, die ggf. auch gänzlich ohne Supervision arbeiten, nicht so einfach möglich, die dargestellten Symptome richtig zuzuordnen.

Patienten mit der emotional-instabilen PS Borderline-Typus haben fast immer eine Vorgeschichte von traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit (Psychische, physische, emotionale oder sexualisierte Gewalt). Wenn in der Psychotherapie zu früh und ohne ordentliche Vorbereitung traumatische Erlebnisse exploriert werden, kann es sich bei den Patienten um eine sehr viel stärkere Wahrnehmung der verschiedenen Ich-Zuständen / Ego-States und somit der Identitätsfragmentierung kommen. Folglich wird unterschiedlichen Ich-Zuständen (nicht immer bewusst) auch unterschiedliche Eigenschaften zugewiesen um das eigene fragmentierte Erleben von traumatischen Eindrücken zu erklären [2].

Oder die Primärdiagnose ist bspw. eine Psychose-Spektrum-Störung, im Hintergrund bestehen traumatische Erlebnisse in der Kindheit, welche dissoziative Symptome hervorgebracht haben. Beides zusammen kann falsch bewertet werden.

└Die intensive Beschäftigung des Therapeuten mit der Ego-State-Therapie / das "innere Kind"

Bereits der unglücklich gewählte Ausdruck "inneres Kind" (siehe hierzu: Ego-States, Anteile und Innenpersönlichkeiten) sorgt für eine sprachliche Fragmentierung der eigenen Persönlichkeit.
Es klingt so, als hätte man ein echtes inneres Kind in sich, mit dem man Kommunikation aufnimmt. Nicht immer gelingt es Ärzten / Therapeuten das "innere Kind" als vereinfachte Beschreibung von inneren Prozessen aus der kindlichen Vergangenheit, verständlich und erklärbar zu machen oder Patienten den Unterschied zwischen dissoziativ abgespaltenen Anteilen der Persönlichkeit und dem Erklärungsmodell zu erfassen.
Dafür tut die Wissenschaft, professionelle Autoren, Therapeuten, Ärzte, Medien und Co. ihr übriges, denn es werden sehr viele Begriffe in einen Topf aus Unwissenheit geworfen, vieles ist nicht klar definiert und wird teilweise disgruent zueinander verwendet.

Differentialdiagnosen

Es gibt sehr viele überlappende Symptome bei anderen psychischen Diagnosen, insbesondere wenn eine PTBS als Sekundardiagnose besteht, ist es schwer die Unterschiede zwischen der (p)DIS und anderen ähnelnden Diagnosen zu erkennen und letztlich auch die Verantwortung zu übernehmen, ggf. die Diagnose zu korrigieren.
Oftmals fällt Patienten die verwirrung schwer um die eigene passende Diagnose(n).

- Persönlichkeitsstörungen (emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Borderline-Typus)
- Bipolare Störung mit komorbider PTBS [2]
- Psychose-Spektrum-Störung (bspw. Verhalten innerhalb einer Psychose kann als DIS fehldiagnostiziert werden)

Hilfe

Diese Messinstrumente für diagnostische Interviews können Therapeuten helfen: MID, SCID-D, FDS etc. [4]
Auch Supervision wäre bei einem Verdacht der Simulation einer dissoziativen Identitätsstörung angebracht, denn zu oft steckt man als Therapeut selbst mittendrin.

• In der ambulanten Psychotherapie neigen Menschen, die sich mit der DIS identifizieren dazu, bekannte Symptome der Diagnose hervorzuheben und von anderen Symptomen der Diagnose wenig bis gar nicht zu berichten.
• Manchmal tendieren sie dazu, stereotypische Anteile zu erfinden, die oftmals in Büchern dokumentiert werden.
• Es wird ein Wohlgefallen der Diagnose passiv oder aktiv suggeriert, im Gegensatz zu Betroffenen mit einer gesicherten Diagnose, welche nach meiner Erfahrung nach fast immer versuchen, die Diagnose / das multiple Erleben zu verdecken

Von Beispielen sehe ich hier ab, da ich niemanden dazu bringen möchte, darauf zu achten "genau dies" nicht zu tun.

Wichtig: Betroffene sind in einer Notlage, müssen in ihrem Empfinden immer ernst genommen werden, egal ob der Verdacht auf eine Simulation besteht oder nicht. Auch hier steckt im Hintergrund ein höchstwahrscheinlich selbst traumatisierter Mensch, der aus unterschiedlichen Gründen nach Erklärungen für das eigene Erleben sucht, nach Hilfe zur inneren Koordination und es ist elementar wichtig, dass ein begleitender wohlwollender Blick auf die mögliche Unterstützung gegeben wird.

Betroffene, die sich selbst hier wiederfinden, sollten mit ihrem Therapeuten das Thema bearbeiten.
Das Thema "Zweifel" wurde hier thematisiert: Das würde ich dir raten!

Liebe Grüße,
Linehme

Quellen:
[1] "Seele und Gesundheit: Band 1" von Miachel Depner
[2] "Expertenempfehlung für die Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) bei Erwachsenen - deutsche Übersetzung der 3. Bearbeitung" von James A. Chu, MD
[3] "Diagnostik und Differentialdiagnostik kompl.dissoziativer Störungen" Ute Bluhm-Dietsche 2018
[4] "Boon & Draijer, 1993; Brand, Amstrong et al., 2010; Draiker & Boon, 1999
[5] Wikipedia-Eintrag zur histrionischen Persönlichkeitsstörung
[6] http://www.enijenhuis.nl/publications

DGTD-Tagung 2021

vom Fr, 7. Mai 2021 bis Sa, 8. Mai 2021
In Kooperation mit der Klinik am Waldschlößchen. http://www.dgtd.de/aktuelles/dgtd-tagung-2021/
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