Dissoziatives Stimmenhören

Was sind akustische (Pseudo)Halluzinationen?

"Eine Halluzination ist eine Wahrnehmung eines Sinnesreizes, die nicht auf eine nachweisbare Reizquelle zurückzuführen ist und die für den Halluzinierenden real ist, d.h. nicht von der Realität unterschieden werden kann." [1]

Manche Menschen nehmen akustische Signale wahr, die nicht von anderen Menschen gehört werden können. Das können zum Beispiel die Wahrnehmung von lauten Gedanken sein, die sich bspw. wie Stimmen von bekannten Menschen aus dem Umfeld oder aus der Vergangenheit anhören, Stimmen "innerhalb" des Kopfes oder auch außerhalb, sie können einen unterschiedlichen Sprachklang / Intonation haben, es können Lieder, Gesumme oder Laute wahrgenommen werden.

 



Bei Pseuduhalluzinationen handelt es sich um einen Zustand, in dem die Vorstellung, also die auditive Wahrnehmung nicht kontrollieren lässt, jedoch dem Betroffenen es bewusst ist, dass dies eine Halluzination ist und nicht für wahr gehalten wird (wie es beispielsweise bei Psychosen der Fall sein kann) [2].

Eine wirklich spannende Dokumentation zum Thema "Stimmen im Kopf" ist die gleichnamige Dokumentation von ARTE:

 

 



Nicht alle Menschen erleben ihr Stimmenhören als unerträgliches oder gar pathologisches Symptom und auch nicht jeder erzählt, dass er welche hört.


Was ist der Unterschied zwischen auditiver Pseudohalluzinationen bei Betroffenen einer Psychose / einer (p)DIS?

Ein großer Unterschied zwischen Betroffenen des "Stimmen Hörens" bei Psychosen und dissoziativem Stimmenhören ist, dass sich Betroffene bei diss. Stimmenhören fast immer bewusst sind, dass diese Stimmen nicht real sind und für andere somit nicht wahrnehmbar.
Fast daher, da es durchaus vorkommen kann, dass ein Hörerlebnis so realistisch wahrgenommen wird, das es etwas dauert, bis die Realitätsprüfung stattgefunden hat. Insbesondere in Flashback-Situationen ist das selten möglich.

Ein weiteres Merkmal ist der Unterschied, dass Betroffene von diss. Stimmenhören sehr viel häufiger Kinderstimmen erleben (wenn nicht sogar immer, persönlich ist mir kein Mensch mit gesicherter (p)DIS bekannt, der keine Kinderstimmen erlebt).

  Es konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden, dass Betroffene einer (p)DIS die "Stimmen" immer "innerhalb des Kopfes" wahrnehmen und Psychotiker immer "außerhalb des Kopfes" [3].

Haben alle Betroffene von (p)DIS dieses Symptom?

Subjektiv: Persönlich kenne ich keinen Betroffenen von (p)DIS, der nicht auch von akustischen Pseudohalluzinationen berichtet.
Es ist in manchmal so, dass nicht alle Anteile gleich das Erleben von "Stimmen im Kopf" wahrnehmen oder überhaupt als solches identifizieren (können).
Für die korrekte Diagnose (p)DIS ist das Symptom der akustischen Pseudohalluzination nicht zwingend erforderlich.

Wie nehmen Betroffene von (p)DIS "Stimmen" wahr?

Es werden ganz unterschiedliche Wahrnehmungen berichtet, im Kern sind sie sich jedoch ähnlich:

- Anteile die in der Exekutive sind, also im Alltag agieren, können oftmals Kommentare von Innen hören / die Stimmen wahrnehmen
- In Flashback-Situationen oder wenn EP´s (emotionale Persönlichkeitsanteile nach struktureller Dissoziation) im Außen sind, kann es passieren, dass gar nichts wahrgenommen wird
- Viele berichten von alltäglichen Gesprächen oder Kommentaren während der/die  ANP´s (annähernd normalen Persönlichkeitsanteile) den Alltag meistern
- Sie werden oftmals nicht wie "echte Stimmen" ähnlich eines Telefonates oder eines realen Menschen wahrgenommen, sondern viel mehr als sehr intensive starke Gedanken
- Manche können unterscheiden zwischen der Stimmfarbe, der Intensität, der Eigenheit der Anteile untereinander
- Nicht selten kommt es zu lustigen Situationen, wenn im Kopf Situationen kommentiert werden, die plötzlich im Gespräch den Menschen loslachen lassen (und das Gegenüber etwas irritiert ist)
- Es gibt auch Anteile die nicht soweit ausgeprägt sind und eher wie ein Fragment nur ganz bestimmte Worte oder Sätze kommunizieren, manche summen auch unaufhörlich Lieder
- Murmeln, leises sprechen, flüstern oder andere Laute von sich geben sind genauso bekannt, wie erlebtes "Anschreien" - dann kann manchmal Gesprächen nicht mehr gefolgt werden, weil es durch die innere Laustärke nicht möglich ist zuzuhören
- Die Stimmen oder intensiven Gedanken werden als Ich-Dyston / "Ich-Fremd" wahrgenommen (und hier ist auch der Unterschied zu anderen Störungen wie Ego-State-Störung, PTBS etc.)
- Es werden Diskussionen im Kopf zwischen Anteilen, Gruppen oder auch nur von einem Anteil wahrgenommen
- Auch unterschiedliche Sprachen können im Kopf erlebt werden, manche Anteile sprechen bspw. nur polnisch, russisch, englisch oder in bestimmten Dialekten kommunizieren
- Nicht alle Anteile können die Exekutive (=ins Außen kommen) übernehmen und selbstständig zu anderen Menschen sprechen, manchmal werden andere Anteile als "Proxy" (Stellvertreter) genutzt
- Es gibt auch (meistens ANP´s oder gesonderte EP´s, oftmals aus dem Kontext der organisierten Gewalt / intendierte DIS) Anteile, die weder sprechen können oder dürfen

Gibt es Medikamente gegen die "Stimmen" ?

Für dissoziatives Stimmenhören gibt es kein zugelassenes Medikament. Manche Medikamente werden Off-label eingesetzt.
Neuroleptika gegen diss. Stimmen sind nicht zu empfehlen, da einerseits es zu paradoxen Wirkungen kommen kann und andererseits durch die Trennung der Kommunikationskanäle (und Stimmen sind ein Weg zum Austausch!) sich nichts an der Situation verbessert.

Liebe Grüße,
Linehme


[1] Gysi "Diagnostik von Traumafolgestörungen"
[2] Linden 2008
[3] Moskowitz, Cortens, 2008
[4] Dorahy, Shannon 2009 "Auditory Hallucinations in Dissociative Identity Disorder and Schizophrenia With and Without a Childhood Trauma History", DOI:10.1097/NMD.0b013e3181c299ea

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