Partielle dissoziative Identitätsstörung | ICD 11


Das Dissoziations-Spektrum erklärt: pDIS

Partial dissociative identity disorder - pDID / Partitielle dissoziative Identitätsstörung pDIS
(Complex Dissociative Intrusion Disorder - CDID / komplexe dissoziative Intrusionsstörung - KDIS)

Die Arbeitsgruppe, rund um die dissoziativen Störungen beim ICD11, hat den Vorschlag veröffentlicht, dass das Zustandsbild der DSNNB (dissoziative Störung nicht näher bezeichnet) soll in die oben genannte Störung umbenannt werden.
In der TT [1]Band I und II (2016) hat Nijenhuis die pDIS als "minor DID", also nicht voll ausgeprägte DIS bezeichnet. Dieser Vorschlag wurde in das ICD11 übernommen und soll das Erlebnisbild besser verdeutlichen. [1]

Die Symptome einer pDIS / sowie auch einer Ego-State-Disorder wurden im ICD10 unter F44.9 (Dissoziative Störung [Konversionsstörung], nicht näher bezeichnet) zusammengefasst.

Betroffene einer Ego-State-Disorder haben keine dissoziativen Anteile im Sinne der (p)DIS / sind nicht "viele". Jedoch wird manchmal eine Ego-State-Problematik diagnostiziert, wenn noch nicht abschließend klar ist, ob es sich um dissoziative Anteile im Sinne der (p)DIS handelt. Merke: Es ist immer besser erstmal von einer Ego-State-Problematik auszugehen, wenn die Diagnostik noch unklar ist.

Näheres hierzu: Ego-States, Anteile und Innenpersönlichkeiten, Ego-State-Disorder


In der Theorie der strukturellen Dissoziation (Strukturelle Aufteilung der Persönlichkeit bei Komplextraumatisierten) geht man bei der pDIS davon aus:

• Es besteht ein ANP (Anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil), der grundlegend die Exekutive übernimmt / den Alltag "schmeist"
• Es gibt mehrere EP´s (Emotionaler Persönlichkeitsanteil), welche immer wieder in den ANP inrtudieren, also einwirken

Auch EP´s sind ein bewusstes "Subsystem" und haben ein grundlegendes Bewusstsein, manche EP´s sind mehr oder weniger "handlungsfähig". Manche EP´s sind recht rudimentär, können nur begrenzt einwirken.
Nijenhuis geht davon aus, dass die Teilung der Persönlichkeit bei traumatischen Erlebnissen eine Trinität beinhaltet: ANP & fragile emotionale EP(s) & kontrollierende emotionale EP(s) [2]

• Es bestehen grundlegend keine Amnesien, es wird teildissoziiertes Handeln wahrgenommen
Dies bedeutet nicht (!), dass keine Amnesien kurzzeitig auftreten können, jedoch sind kurzen Episoden in denen EP´s die Executive (also die Handlungen im Alltag) kurz und eher selten

• Man erlebt sich immer wieder abgetrennt, nimmt gravierende Veränderung der Wahrnehmung, des Denkens wahr, sensorisch-motorischer Funktionen sind zusammengepackt in Persönlichkeits-Anteilen

• Die dissoziativen Barrieren im Innen-Erleben sind geringer, als bei einer vollausgeprägten DIS, man erlebt ein getrenntes Innenleben, jedoch ist das Co-Bewusstsein überwiegend vorhanden


Ein Betroffener mit pDIS könnte als Beispiel sich so beschreiben:

"Ich erlebe mich im Funktionsmodus den ganzen Tag und höre Stimmen, Anteile, Persönlichkeitszustände, ich erlebe die Zustände als eigenständig agierende Anteile in mir, die durch mich hindurchwirken und sich teilweise ganz anders verhalten, als ich.
Die Anderen haben ggf. eigene Meinungen, Weltanschauungen und eigene Fähigkeiten. Manchmal übernehmen sie Situationen, ich erlebe dies ganz fern, losgelöst von mir. Ich bekomme zwar mit, was passiert, jedoch wie durch eine Glaskuppel, eine Blase.
Manchmal sprechen mich andere Menschen darauf, dass ich so wechselhaft sei. Dabei erlebe ich große Scham, bereits darüber zu sprechen, dass ich nicht immer die völlige Kontrolle habe, ist mir extrem unangenehm, darüber will ich möglichst gar nicht nachdenken.
In destruktiven Situationen verletze ich mich selbst, das passiert irgendwie automatisch, ich kann es nicht steuern, manchmal wache ich erst dannach auf."

-> Der Leidensdruck ist imens. In allen Bereichen des Lebens wirkt die dissoziative Identitätsstruktur ein und dazu dauert es oft sehr viele Jahre, bis auf diese Art der Traumareaktion überhaupt Rücksicht genommen wird.

Man unterscheidet zwischen zwei Typen in der partiellen dissoziativen Identitätsstörung:

pDIS Typ I [3]
Im Alltag bestehen größtenteils "Ich-Syntone" Handlungen.
Das bedeutet: Ich erlebe meine Handlungen als zu mir gehörig, das bin ich und niemand "fremdes in mir".
In Streßsituationen, Flashbacks, Traumatrias (= psychische / physische Reaktion auf Trauma: Wiedererleben, Vermeidung, Überrerregung ) werden teildissoziative Handlungen mit Depersonalisations- und/oder Derealisationserleben wahrgenommen.
Das bedeutet: Das was gerade passiert / passiert ist, erlebe ich als von mir abgetrennt, fremdartig, roboterartig, seltsam, hat nichts mit "mit" zu tun.

pDIS Typ II [3]
Im Alltag und in Streßsituationen werden teildissoziative Handlungen mit Depersonalisations- und/oder Derealisationserleben wahrgenommen.

Teildissoziativ bedeutet: Es besteht keine Amnesie zu dem was passiert / oder passiert ist. Man könnte auch sagen: ich erlebe Handlungen co-bewusst!

Fragen & Antworten:
Kann eine pDIS schon jetzt diagnostiziert werden?
 Der ICD11 tritt am 1. Januar 2022 in Kraft, manche Therapeuten diagnostizieren / verschlüsseln bereits nach ICD11

Wenn man eine pDIS diagnostiziert bekommen hat, ist man dann "viele" wie Menschen mit vollausgeprägter DIS?
 Ja, man hat ein sehr ähnliches Erleben zu Betroffenen einer vollausgeprägten DIS

Wie wird sie diagnostiziert?
 Es gibt Fragebögen, die der Therapeut als Hilfsmittel nimmt: SKID-D, DDIS, TADS-I, letztlich ist die pDIS eine Ausschlußdiagnose, die im intensiven und versierten Gespräch gestellt werden kann. Der erste Ansprechpartner sollte der Therapeut sein.

Welche typischen Komorbiditäten bestehen als Diagnose zu einer pDIS?
Meist besteht ein ganzes Paket an Symptomen, auch Süchte (Drogen, destruktives Verhalten, Essstörung etc.) spielen eine Rolle oder Zwangsstörungen zusätzlich. Diese Verhaltensweisen bringen dem hochdissoziativen Menschen Entlastung gegen die dissoziativen Symptome (Derealisation, Depersonalisation, Amnesien etc.).

Haben Menschen mit einer pDIS immer Traumatisierungen in der Kindheit?
 Ja, die traumatisierenden Zustände beginnen immer in den ersten Lebensjahren (eine exakte Abgrenzung wie bspw. in den ersten 3 oder 5 Jahren halte ich für falsch, da die Individualität eines Menschen zu groß ist, als dass man dies an ein Alter festmachen kann). Fast immer bestehen mehrere interpersonelle (zwischen zwei+ Menschen) Traumata wie: Bindungstraumatisierungen (psychisches / phsysische Gewalt, Vernachlässigung von Bezugspersonen), Typ-II-Traumata (anhaltende sexualisierte / körperliche Gewalt, geiselhaft, Folter, Krieg), teilweise auch Typ-III-Trauma (also organisierte und langandauernde Gewalt, ritualisierte Gewalt )[4].



Ich hoffe ich konnte hiermit ein paar Fragezeichen klären.
Fehlt etwas? Noch Fragen zu dem Thema? Dann schreib mir doch einfach: Linehme

 

 



Quellen:
[1] ICD11: https://icd.who.int/browse11/l-m/en-
[2] "Die Trauma-Trinität: Ignoranz - Fragilität - Kontrolle: Enaktive Traumatherapie" von Ellert Nijenhuis 2018
[3]  3.3.2 Traumatrias, Diagnostik von Traumafolgestörungen von Jan Gysi
[4]  Trauma-Dissoziations-Achsenmodell, Diagnostik von Traumafolgestörungen von Jan Gysi

 

 

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