Vorwort & Gliederung

ANP ~ EP -Begriffe
Primäre strukturelle Dissoziation
Sekundäre strukturelle Dissoziation
Tertiäre strukturelle Dissoziation

Der Begriff der strukturellen Dissoziation wurde von Nijenhuis, Steele, Van der Hart basierend auf Pierre Janet und C.S. Myers detailliert beschrieben.
Die Forschung, Erkenntnisse und Ergebnisse bildgebender Verfahren [1][2], konnten die Theorie, sowie die Aufspaltung in ANP´s und EP´s verifizieren.

"Dissoziation bei Trauma beinhaltet eine Teilung der Persönlichkeit, und zwar des gesamten dynamischen, biopsychosozialen Systems, welches die charakteristischen mentalen und verhältnismäßigen Handlungen der Person bestimmt. Diese Teilung der Persönlichkeit stellt ein Kernmerkmal des Traumas dar." ~ Nijenhuis, Die Trauma-Trinität
"Dissoziation [aufgrund von Trauma] ist ein komplexer psychophysiologischer Prozess mit einer Störung oder Veränderung in den normalen integrativen Funktionen der Identität, des Gedächtnisses und des Bewusstseins" ~Putnam 1997

Mit der strukturellen Dissoziation (der Name "strukturell" sollte eine Abgrenzung zum "schwurbelig" verwendeten Begriff Dissoziation in der Fachwelt darstellen) ist ein übergreifendes Modell in einen Rahmen gepackt worden, welches bei (chronischer) Traumatisierung Phänomene verständlich darstellt.
Durch neurophysiologische Untersuchungen konnte man mittlerweile auch nachweisen, dass zu jedem Anteil ein eigenes neuronales Netzwerk gehört, welches sein eigenes phänomenales Selbst ("Ich bin ich und ich bin nicht die oder der") erlebt, eigenen Zugriff auf Fähigkeiten und Fertigkeiten haben kann und auch nur auf bestimmte andere neuronale Netzwerke zugreifen kann (dissoziative Barrieren).



Bei der strukturellen Dissoziation wird in drei Bereiche unterschieden, welche die unterschiedlichen Komplexitätsgrade darstellen sollen: Primäre, sekundäre und tertiäre strukturelle Dissoziation.
Sie erklären die unterschiedlichen dissoziativen Grade bei traumatischen Erlebnissen und folgender Traumafolgestörungen.

Nach der Theorie (die keineswegs mehr "reine Theorie" ist [2]!) der strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit bestehen nach schweren traumatischen Erlebnissen zwei Persönlichkeits-Systeme:
ANP = Annähernde / anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil
→ Sind nahezu immer in der posttraumatischen Vermeidung (= ihr Fokus ist auf Durchhalten, Funktionieren, Aushalten, Überleben gerichtet, da ist nahezu kein Platz für EP's und oder traumatische Realitäten)

Achtung, ANP's sind keineswegs "gesünder" oder "stabiler" in ihrem Verhalten und Erleben, sondern verdecken meist höchst effektiv das innere Chaos, Therapeuten die ausschließlich mit ANP´s arbeiten, werden schnell an ihre und auch an die Grenzen des Patienten stoßen, es muss immer das gesamte System Platz in der Therapie haben.

EP = emotionaler Persönlichkeitsanteil (wobei hier auch zwischen fragilen und kontrollierenden Anteilen unterschieden wird)
→ bindungssuchende Anteile, welche teils noch in der traumatischen Realität existieren, sich durch bspw. Intrusionen / Bilder / Worte mitteilen, täterloyale, kontrollierende Anteile, oftmals posttraumatisch hyperarousal (übererregt)

Achtung, EP's sollten nicht unterdrückt werden, auch wenn sie "sozial unangepasst" oder kontrovers sich äußern / oder handeln, kann ein Ablehnen (vom System oder dem Therapeuten) schwere destruktive Handlungen nach sich ziehen, es muss immer das gesamte System Platz in der Therapie haben.

Die Beschreibung von ANP und EP bei der primären strukturellen Dissoziation empfinde ich als schwierig.
Die Verwechslung zur tertiären strukturellen Dissoziation (p)DIS wird dadurch begünstigt.
Betroffene mit Störungen der Ich-Zustände erleben sich nicht immer als kohärent, wissen nicht wie "sie" gerade sind, sind jedoch "immer" sie selbst (auch wenn es manche gerne anders hätten, sie imitierte DIS).

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Primäre / sekundäre und tertiäre strukturelle Dissoziation


Primäre strukturelle Dissoziation
Traumaachse: Typ-I-Traumata (einmalig / kurzfristig / Monotrauma)

Persönlichkeitssystem: 1 ANP, 1 EP

→ 1 Handlungssystem ANP (=Annähernd normaler Ego-State) für die Bewältigung des Alltags
- Ist oftmals phobisch gegenüber Traumainhalten oder EP (=Emotionaler Ego-State)generell, vermeidet sämtliche traumatischen Erinnerungen
- Erlebt sich als (hoch-)funktional, kann sich als "kalt" erleben, möchte oftmals wenig mit Emotionen zu tun haben
- Hat nahezu keine Erinnerung an Traumatisierungen oder nur theoretischer Artikel

→ 1 Handlungssystem EP für die Abwehr von Gefahren
- Wird als ein Muster, ein Schema des Überlebens verstanden
- Ein Schwanken zwischen ANP und EP

Beispiel:
"Meine Großmutter ist vom Omnibus überrollt worden. Ich bin ziemlich gut, ziemlich klar, ich organisiere Beerdigungsunternehmen und Kripo und Verwandten und die Blumen und den Grabschmuck und das Kaffeetrinken und das krieg ich alles gut hin.
Und dann holt es mich wieder ein und ich bin außer mir und wie kann ich nur und habe ich denn nicht und hast du denn gesehen und wie entsetzlich sah das aus und es schwankt hin und her und wieder zurück."[3]
Mit diesem Beispiel lässt sich gut der Zwiespalt zwischen dem ANP und dem EP erkennen, das Hin und Her ticken zwischen beiden Realitäten.


Typische Diagnose: PTBS, Angst- und Zwangsstörung, Bindungsstörung, Depression, teilweise akute Belastungsstörung

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Sekundäre strukturelle Dissoziation
Traumaachse: Mehrere Typ-I oder Typ-II-Traumata (mehrfach / langfristig / Polytrauma)

Persönlichkeitssystem: 1 ANP und mehrere EP

Beispiel:
Bei Betroffenen mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörungen, gibt es unterschiedliche dieser EP. Einen "alltagstauglichen ANP" und im inneren Gefühlsspektrum vielleicht einen kleinen ängstlichen Teil des Selbst.
Ein Teil, der große Angst vor Versagen hat, immer wieder auftritt in Form von gefestigten Gedankenstrukturen. Gedanken, die einem immer gleichen Muster entsprechen und meist zur gleichen Situation auftreten.
Dann gibt es vielleicht einen wütenden Teil des Selbst, der mit viel Energie sich schützt, wütend den Menschen verteidigt, voller Kraft eventuelle weitere Verletzungen von sich fern hält.
Im Gegensatz zur primären strukturellen Dissoziation, sind hier mehrere Gedankenmuster vorhanden.

Typische Diagnose: komplexe posttraumatische Belastungsstörung / dissoziative Störung nicht näher bezeichnet / Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Muster, partielle dissoziative Identitätsstörung

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Tertiäre strukturelle Dissoziation
Traumaachse: Typ-II (mehrfach / langfristig / Polytrauma) oder Typ-III-Traumata (organisiert, langandauernd)
In der Regel sagt man [3], dass diese Typ-II oder Typ-III Traumata innerhalb der ersten ~6 Lebensjahre bestehen, da eventuell Zusammenhänge mit der Hippocampusreifung bestehen.
Jedoch haben Forscher mittlerweile herausgefunden, dass der Hippocampus (Teil des limbischen Systems, Bildung und Aufrechterhaltung von Lernprozessen / Gedächtnisinhalten (Emotionsbildung /-verarbeitung) entgegen der bisherigen Annahmen erst im Jugendalter voll ausgereift ist [4].

"So lange eine gute Bindungsperson existiert, wird man nicht multipel"[3]

Persönlichkeitssystem: Mehrere ANP's mit mehrere EP's

Beispiel:
Bereits der Alltag ist fragmentiert, bspw. gibt es für unterschiedliche Alltagsaufgaben, unterschiedliche ANP's. Ein ANP kümmert sich um die Betreuung der Kinder, mehrere ANP's um die Ausübung des Berufes / der alltäglichen Aufgaben, weitere um soziale Kontakte.
Je nach Grad der dissoziativen Barrieren, sind die Anteile zueinander amnestisch, voll- oder teildissoziiert.
Die fragilen oder kontrollierenden EPs greifen immer wieder in den Alltag ein, blitzen hervor oder übernehmen teils auch die Kontrolle (mit mehr oder weniger Co-Bewusstsein).
Alle können je nach Entwicklungsstand und/oder Aufgabe ein phänomenales Selbstgefühl haben ("Ich bin ich und ich bin nicht die oder der").

Typische Diagnose: dissoziative Identitätsstörung

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Linehme

 

Siehe auch:

Typen / Kategorien der strukturellen Dissoziation

Imitierte dissoziative Identitätsstörung

Partielle dissoziative Identitätsstörung | ICD 11


[1] Nijenhuis, 2015, Brand el al., 2016;
[2] Dissociative part-dependent biopsychosocial reactions to backward masked angry and neutral faces: An fMRI study of dissociative identity disorder, doi: 10.1016/j.nicl.2013.07.002
[3] Dr. Brigitte Bosse - Trauma Institut Mainz ( Seele - Körper - Geist: Dissoziation als Überlebensstrategie)
[4] Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017; doi: 10.1073/pnas.1710654114

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