Frage von "TjaKa": Hochfunktionalität: Last oder Erleichterung? (Antworten: 5)

Gerade hier im \"Hochfunktionalen\"-Forum hoffe ich auf differenzierte Antworten zu einer Frage, die ich gar nicht recht formulieren kann. In Kurzform lautet sie etwa \"Hochfunktionalität: Last oder Erleichterung?\" Zur Erklärung (Edit: merke gerade, dass sie triggern könnte, aber gehe ja bei dir laut deiner Bestimmungen von \"Diagnose-Sicherheit\" aus, heißt: Erklärung nur für dich als Redakteurin, um Frage vielleicht passender zu formulieren): Ich kann mir vorstellen, dass Hochfunktionalität viele gute Gründe hat (nicht auffallen, Alltag bewältigen, Ressourcen nutzen können) und auch viele positive Effekte hat. Genau deshalb \"gibt\" es sie ja wohl auch. Irgendwie gibt es aber auch die Idee, dass das manchmal auch vieles schwerer macht, weil es ja dann außen auch permanent erwartet wird.... Sorgen wie: Fällt es dann nicht erst recht auf, wenn die doch mal wegfällt? Führt sie (innen und außen) nicht auch zu Zweifeln In etwa so: Ich bin das alles ja gar nicht, was so Traumaopfern (sorry fürs Wort) nachgesagt wird. Ich kann doch mit Stress, ich bin doch empathisch, ich krieg doch alles hin. Bin komplett gesund. Tata.... Habe einfach mit viel Energie und Kreativität was zusammengeschwurbelt.... Ist die Frage verständlich?

Anmerkung: Die Fragestellung war für viele etwas verwirrend, daher gibt es unterschiedliche Ansätze.

Antworten von Betroffenen der dissoziativen Identitätsstruktur:

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Hallo,

ich weiß nicht, ob ich die Frage richtig verstanden habe aber ich schreibe mal generell meine Gedanken zum Thema auf. Ich denke es ist beides. Für mich überwiegt aber grundsätzlich die Hochfunktionalität, ich bin ehrlich gesagt froh darüber, dass wir scheinbar "so gut" funktionieren.

Irgendwie gibt es aber auch die Idee, dass das manchmal auch vieles schwerer macht, weil es ja dann außen auch permanent erwartet wird....


Da würde ich mal provokativ die Gegenfrage stellen: "Wird von der Gesellschaft irgendwann NICHT erwartet, dass man, im Job beispielsweise, gut funktioniert, egal welche Schwierigkeiten man (privat) zu bewältigen hat?" In meiner nächsten Umgebung hab ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Menschen offensichtliche körperliche Verletzungen als Grund akzeptieren, nicht funktionieren zu können, aber psychische oder seelische Probleme werden meiner Erfahrung nach eher als Schwäche ausgelegt und "man solle sich doch bitte zusammenreißen".
Ich hab mich schon sehr oft über blöde Kommentare von Menschen geärgert, die sich wundern, weshalb ich gestresst bin, wenn ich doch "nur" ein Kind hätte oder die mir erklären, sie hätten ja viel mehr zu tun, weil sie zwei Überstunden gemacht haben. Oder die nicht verstehen, wieso ich denn nicht mal ein bisschen schneller die Uniarbeit fertig machen könnte, ich wäre wohl etwas faul. Naja, in solchen Situationen würde ich gerne meine Wahrheit in die Welt hinausbrüllen, dass ich nämlich nicht "nur ein Kind" sondern eine ganze Herde jeden Tag mit mir herumschleppe, dass ich keine Sekunde Pause habe, weil ich ständig schauen muss, dass wir halbwegs funktionieren, mich nicht einfache entspannt auf die Couch setzen kann, weil ich gar nicht weiß, wie entspannen geht oder deshalb mit der Uni noch nicht fertig bin, weil drei verschiedene Menschen an dieser blöden Arbeit schreiben und ständig alles im Chaos endet. Oh und wenn mir jemand erklärt, ich könnte wohl ein bisschen organisierter sein, weil ich meinen Schlüssel gerade nicht finde, weil ich gerade ein Innenkind beruhige, das einen Flashback hatte, ich gleichzeitig die anderen instruiere, bitte weiterhin Ruhe zu bewahren und nicht in meine Arbeit reinzupfuschen und ich trotzdem noch versuche zu lächeln, da könnte ich manchmal Menschen so richtig gegen die Wand klatschen. Aber nein, wir lächeln brav, entschuldigen uns und nehmen hin, dass es einfach so ist wie es ist und manchmal tun wir uns auch leid und finden alles ungerecht.

Aber dann denke ich an meine Arbeitskollegin, die letztes Jahr so mutig war und in den Krankenstand gegangen ist, weil sie eine Posttraumatische Belastungsstörung hatte und gar nichts mehr tun konnte. Es hat keine zwei Wochen gedauert, bevor die gehässigen Kommentare begonnen haben, jetzt wäre es doch wohl wieder an der Zeit arbeiten zu kommen und sie würde nur Urlaub machen und so weiter. Da dachte ich mir, dass ich doch froh bin, dass wir uns die Arbeit etwas aufteilen können. Manche von uns würden alleine nicht mal schaffen aus dem Bett zu kommen.
Also ich empfinde es zwar als total ungerecht, dass man uns nicht ansieht, wie viel wir jeden Tag leisten, aber andererseits würden wir realistisch wesentlich mehr Probleme haben, würden wir nicht so gut funktionieren.

Gefährlich ist für uns die Hochfunktionalität aber insofern, dass wir dazu neigen unsere Leistungsfähigkeit zu überschätzen. Mittlerweile kann ich die Anzeichen, dass wir an unseren Grenzen angelangt sind, relativ gut erkennen und dann zumindest etwas darauf Rücksicht nehmen bzw. das Schlimmste verhindern. Früher dachten wir, wir würden schon alles schaffen, bis wir eben dann doch zusammengeklappt sind und längere Zeit gar nichts mehr ging. Das ist ein Lernprozess denke ich. Bezüglich Stressreduktion müssen wir noch einiges lernen, der Stresspegel ist immer noch viel zu hoch, das führt zu körperlichen Symptomen, die auf Dauer sehr schädlich sind.

Liebe Grüße

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Hallo !

Ein Zweck den das Gehirn durch das "Viele-Sein" erreichen will, ist "Sich- oder Etwas-nicht spüren zu müssen".
Das führt schnell dazu, dass die Wahrnehmung für den eigenen Körper und eigene Grenzen eingeschränkt ist.
Der Vorteil ist, dass einzelne Anteile extrem leistungsfähig sind. Es gibt ein Riesenpool aus Fähigkeiten und Begabungen, aber eben auch
einen Riesenpool aus verschiedenen Wünschen, Empfindungen, Ängsten...
Die Herausforderung ist, glaube ich, achtsam zu bleiben... für Stress, für innere Impulse...aber das muss jeder Mensch.

Ja, es fällt auf. Diese Schwankungen bleiben leider nicht verborgen. Viele von uns kennen diese Phasen der hohen Leistungsfähigkeit und dann Einbrüche wo eben nichts mehr geht. Das sieht äußerlich oft nach einem Burn-Out aus (ist es ja auch irgendwie). Es ist anstrengend den "Schein zu wahren". Viele von uns haben ein Studium und Ausbildung geschafft. Die Anstrengung die uns das gekostet hat, wird oft nicht wahrgenommen.

Ich hoffe, dass ich mehr und mehr dahin komme, meine Art zu Denken und zu Fühlen wertzuschätzen und es weniger Last wird.

Ein Teil von mir denkt schon:" Hey, du hast doch dein Leben ganz gut hinbekommen und was du in deinem Leben als Kind erlebt hast ist duch ein Pups zu dem was andere erlebt haben, ich weiß von keinen wirklich schlimmen Dingen. Eigentlich dürfte ich garnicht multiple sein."
Das passiert aber, weil dieser Teil viele blinde Flecken hat.

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Aus ihrem letzten Erklärungssatz lese ich raus, dass sie sich auch fragt, ob man in dieser Funktionalität das Gefühl hat, eigentlich doch ganz gesund zu sein.

Ich+ würde diese Frage in etwa so beantworten:

Das Problem, ob es Fluch oder Segen ist stellt sich bei uns nur in dem Kontext mit Menschen, die darum wissen. Wenn jemand nicht weiß, dass wir Viele sind, kann jemand ja auch nicht von "oh sie ist hochfunktional" sprechen.

Im therapeutischen Kontext empfinde ich es oft als Fluch, weil wir das Gefühl haben, dass Probleme nicht ernst genommen werden. Erst neulich passiert:
Die Chefin meiner Thera trifft mich an der Sbahn, ich grüße sie nett und gehe weiter. Meine Thera erzählt mir später, ihre Chefin habe zu ihr gesagt "du, ich deine Frau X. getroffen, die war ja total normal".
Nächstes Mal schreie ich verrückte Dinge über den Bahnsteig...unfassbar manche "Professionellen".

Bei Freunden...ist es ähnlich. Hier habe ich keine Angst, dass uns die Hilfe entzogen wird, weil wir zu "gesund" wirken, aber ich habe Angst, dass man mir nicht glaubt und uns darum meiden könnte.

Bei der Arbeit ist es hier so, dass nur eine Kollegin von den anderen weiß. Allerdings haben wir eine wöchentliche Therapiefreistellung. Mein Chef meinte schon häufiger, dass ich so "normal" wirke und ob ich denn überhaupt noch "Probleme" hätte. Ich möchte auf keinen Fall meine Arbeitsfähigkeit verlieren, nur ist es sehr schwer, zu rechtfertigen, warum ich so viel Therapie mache...
Mein Hauptargument ist meistens, dass ich ohne die Therapie auch nicht in der Lage wäre, so "normal" zu agieren.


Insgesamt sind wir allerdings alle sehr froh, dass wir von außen -gerade bei der Arbeit- als kompetent wahrgenommen werden.

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" Last " oder " Erleichterung" ... " Fluch " oder " Segen " ... ich erlebe , wir erleben es unterschiedlich

Auf der Arbeit profitiere ich davon , ich bin sehr zuverlässig, immer in der Lage zu arbeiten, und auch wirklich kaum krank... also, es ist nicht so, dass ich selbst auf dem Zahnfleisch kriechend noch zum Dienst gehe ... und auch sonst, Dinge, die zwingend erledigt werden müssen, die laufen, Menschen können sich auf mich verlassen

...gut, psychisch denk ich manchmal, ich könnte eine Auszeit gebrauchen , würde ich aber gerade nicht so gern für mich einfordern wollen, genieße es irgendwie auch besonders zuverlässig zu sein .... wenigstens dort ... und außerdem kann ich mit1 mehr Zeit für mich auch nicht das richtige anstellen , weil sich einige dagegenstellen uns gut zu fühlen und zu tun . Was ich gut hinbekomme ist, dafür zu sorgen, dass ich an den 2 Therapietagen im Monat nicht anschließend arbeiten muss .. sie wissen, dass ich eine Traumatherapie mache , und es mir zu anstrengend ist kurz später zum Dienst zu kommen... ja und das gehört vielleicht dazu , zu Hochfunktional ?! ... weiss ich noch nicht , ich weiss nur , es ist ein Weg , arbeitsfähig zu bleiben ... iregndwie mit ein bisschen mehr Achtsamkeit für mich

Im Privaten ist es eher Fluch, und das immer mehr , ich habe nicht viele Kontakte, die z.B. in meinen privaten Raum kommen, in dem ich zeitweise nicht wirklich viel hinbekomme ... in der Wohnung , in dem was ich zuhause gutes für uns tun kann, aber steht ein Besuch an, kann ich Ruckzuck dafür sorgen, dass alles so aussieht, als könnte ich mich immer gut um mich kümmern, und dann fühle ich das auch , als würde jemand anders übernehmen.. und ich lasse nicht durchblicken wie es mir oft sonst geht ,und dass ich eigentlich gar keine Kraft mehr habe ... niemand weiss das , ich selbst gestehe mir das auch nur insoweit zu dass ich es selbst mal wahrnehme und... aber auch nur vielleicht , mal meiner Thera schreibe ...

und das mit dem Viele sein, das weiss eigentlich bei uns niemand ... nur eine Freundin, die weiss von bestimmten Kinderanteilen , mehr muss sie nicht wissen...

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Ich würde sagen zu 70% ist unsere hart erarbeitete Hochfunktionalität schon eine Erleichterung im Leben, weil sie mir ermöglicht zu arbeiten, einem normalen ganz gewöhnlichem Arbeitsalltag nachzugehen ( und zu 30 % Chance das System zum totalen Absturz bringen, im schlimmsten Fall mit Klinikaufenthalten oder Schlimmerem enden bei uns, das Risiko ist mir bewusst, wir haben jährlich aufgrund der Überbelastung nur wegen der Arbeit so 2-3 Zusammenbrüche).
In der Arbeit konnte ich bei meiner aktuellen Stelle meinen SBA mitangeben, das bedeutet auch, dass wenn irgendwas reingrätschen würde in die Arbeit, könnte ich das mit dem SBA begründen, da muss ich nichts erklären und es geht auch niemanden was an. Ich habe den SBA nie thematisiert und würde auch kein Wort darüber verlieren, warum und wieso. Für mich hat das alles nichts in der Arbeit zu suchen, es fragt aber auch keiner.
Ich habe das Glück, dass ich sehr wenig mit Menschen ansich arbeite, mein eigenes Büro habe und sehr frei bin mit dem wann wo und wie ich arbeite: "Der Laden muss halt laufen".

Ein Problem ist, dass man als Viele-Mensch sehr sehr viel mehr Kraft in den Alltag stecken muss, als ein "Mono"-Mensch.
Es benötigt extrem viel Koordination, Hilfsfmittel, Innenorganisation und Retrospektive / Reflexion.
Das alles muss ein Mono-Mensch nicht in der Art und in dem Umfang leisten.
Das bedeutet auch, dass die geteilte Kraft irgendwann aufgebraucht ist und eigentlich oft Pausen eingelegt werden müssen.
Und natürlich - dadurch, dass das Umfeld nichts von dem ganzen Aufwand mitbekommen kann, der Kopf nicht eingegipst ist um jemanden zu erinnern: der Mensch kann den Kopf nicht so einfach drehen oder essen oder sich bewegen- wird von Außen davon ausgegangen, dass man immer diese Leistung erbringen kann und erwartet das auch.

Das bringt manchmal heftige Konflikte mit sich.

Die Diskrepanz zwischen dem was andere von einem Viele-Mensch wahrnehmen und die Welt die ein eigenes geschlossenes System ist im Innen, ist imens. Das Leid wird dadurch nicht geringer, denn man fragt sich ja auch selbst in hochfunktionalen Momenten: Was stell ich mich eigentlich so an? Wozu brauch ich schon Therapie, kann doch alles machen? Usw.

Letztendlich hilft die Hochfunktionalität die Symptome der schweren langjährigen Traumatisierungen abzufangen und in der Gesellschaft halbwegs zu überleben. Trotzdem ist es mit Abspaltung von Emotionen, Anteilen, Wissen, Dissoziationsbarrieren und Co. verbunden.

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weitere Antworten folgen!

DGTD-Tagung 2021

vom Fr, 7. Mai 2021 bis Sa, 8. Mai 2021
In Kooperation mit der Klinik am Waldschlößchen. http://www.dgtd.de/aktuelles/dgtd-tagung-2021/
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