Frage von "pregunta326": Woran erkennt man eine DIS bei Kindern und Jugendlichen? (Antworten: 8)

Und was kann man tun, wenn man den Verdacht hat?
Ich frage, weil ich wenn das Studium fertig ist als Sozialpädagogin mit KIndern oder Jugendlichen (was davon, weiß ich noch nicht) arbeiten werde.

Vielleicht könnt ihr aus euren Erfahrungen heraus sagen:

Woran hätte man damals merken können, dass es euch nicht gut geht?
Und wie hätte man da gut darauf reagieren und euch vielleicht auch helfen können?

Antworten von Betroffenen der dissoziativen Identitätsstruktur:

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Als SoPäd würden wir uns bei einem Verdacht an die Einrichtungsleitung wenden. Außerdem besteht als Fachkraft die Möglichkeit, sich an die InsoFa zu wenden (insoweit erfahrene Fachkraft, SGB V III §8a und b). Diese unterstützt als Außenstehende die Beurteilung der Gefährdung.
Anzeichen für Missbrauch sind oft eher unspezifisch. Es gibt dazu vielfältige Listen im Netz.
Wichtig wäre entsprechende Fortbildungen beim Personal und die Etablierung von Prävention - das könnte ggf. angeregt werden, falls es in der Einrichtung noch nicht vorhanden ist.

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Bei uns hätte und hat man nichts gemerkt!

Das war bewusst so gemacht.

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Also bei uns hat man nichts gemerkt. Dafür wurden wir „ausgebildet“. Das wäre kontraproduktiv gewesen.

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Hm erstmal würd ich sagen, dass es für den Anfang relativ egal ist, ob man ne DIS erkennt, sondern vielmehr darum zu checken, dass mit nem Kind/Jugendlichen etwas absolut nicht okay ist und ggf ne Traumareaktion vorliegt. Dazu gibts ja eine Texte von Fachstellen, zB auch vom UBSKM.

Persönlich... ja puh, würd mal sagen, die DIS selbst war absolut nicht offensichtlich, aber das was nicht gut war: Selbstverletzung, Zurückgezogen fast stumm, starke Ängstlichkeit im Wechsel mit "normal" (im Sinne von ohne Symptome zeigen). Gut, es gab verschiedene Handschriften, was Stress nach sich zog, aber das war alles nichts, was sich nicht auch mit was anderem als DIS hätte erklären lassen können.
Was immer gut ist, denke ich: _Zeigen, dass man da ist, weder ein Kind übersehen noch es bedrängen, Grenzen respektieren, keinen Druck machen. Ja, es gibt Kinder/Jugendliche wo Druck helfen kann, aber ich würd das Risiko nicht eingehen wollen, wenn nicht klar ist, was los ist.
Wäre auch mit offenem Ansprechen sehr vorsichtig, weil das ganz schnell wirklich (Todes)angst auslösen kann und vor allem, bei Verdacht auf Trauma, nicht einfach mal mit den Eltern sprechen. Die Chancen stehen ja doch leider "gut", dass selbige nicht ganz unschuldig sind (direkt oder indirekt).

Ist, denke ich, alles sehr individuell und ehrlich gesagt find ich, dass da mit bereits gut ausgebildeten Fachmenschen ein Austausch wichtig ist um möglichst viele Ideen zu hören, Perspektiven und dann am Ende ein guten Repertoire zu haben.

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DIese Frage lässt sich nicht einfach so beantworten. Ich denke, wenn man da selbst nicht viel mit zu tun hat, ist die Chance, es zu erkennen, ziemlich gering. Jede DIS ja auch individuell, da gibt es keine Pauschalantwort. - Und ich frage mich auch, warum du das fragst? Also warum willst du genau eine DIS bei einem Kind erkennen können?
Tatsächlich ist es ein Thema, mit dem ich mich schon seit einigen Jahren beschäftige. Ich arbeite an einem Präventionvortrag (für PädagogInnen und auch ÄrzteInnen) und habe ihn u.a. unterteilt in: Woran erkenne ich, dass ein Kind traumatisiert ist? Was bedeutet es zu dissoziieren bzw. wie erleben Betroffene Dissoziation?...

Dazu solltest du Fortbildungen machen zu Fragen wie: Was ist Trauma? Was ist Dissoziation?
Wenn du so ein Kind erkennen möchtest, kannst du das nicht auf einer intellektuellen Ebene per Strichliste abarbeiten, sowas wie: Das Kind macht dies. Das Kind macht das. Oder das Kind macht dies nicht etc..

Eine Chance ist es, dich hineinzuversetzen: Wie fühlt sich jemand, der mit einer Bedrohung lebt und keine Hilfe bekommt? Dieses Gefühl kannst du versuchen, nachzuenpfinden. Und dann kannst du denken: Wie würdest du dich verhalten, wenn du keine gesunde Basis gelernt hättest, wenn du einfach nicht weißt, dass du dir Hilfe holen könntest. Oder wenn du nicht weißt, dass man darüber sogar reden kann? Oder wie fühlt es sich an, wenn alles im Chaos verschwimmt? (Oder wie fühlt es sich an, wenn man sich gar keine Hilfe holen darf oder holen kann, weil man bedroht wird und man funktionieren soll bzw. man funktioniert einfach!) Oder es ist ein normales Gefühl, dass man immer Körperschmerzen hat - wie ist das Gefühl für dich? Oder es ist normales Gefühl, dass man Dialoge spricht in sich selbst - wie fühlt sich das an für dich?

Ich glaube, wenn du oder andere Menschen es schaffen, sich da ein bisschen hineinzuversetzen, um nachempfinden zu können, in welcher Schutzlosigkeit so ein Kind lebt, dann kann das eine Tür öffnen dahin, zu erkennen, wenn jemand dissoziiert etc...

Hier mal ein 2 Möglichkeiten:

Das Kind ist super angepasst. Es ist immer gut drauf, bewältigt immer den Stoff in der Schule, macht keine Schwierigkeiten, lächelt, ist freundlich... Es antwortet brav. Es wirkt an anderen Stellen vielleicht abwesend, monoton.
Oder es ist "launisch", sehr wechselhaft.

Ich glaube, wichtig ist es, zwischen den Zeilen lesen zu können, die Kleinigkeiten aufzufangen. Vielleicht gibt das Kind Signale, die man erkennen soll...
Zuerst ist es mal die Hürde, das Kind zu erkennen. Es aber dann auch angemessen anzusprechen, das ist die zweite Kunst. Direkte Sprache oder Kommunikation ist da eher kontraprodutiv.
Es ist mehr die Sprache ohne Worte, die eine Verbindung zwischen dem Kind und dir schafft, die dann Beziehung schaffen kann. Denn so ein Kind hat kein Vertrauen und wird es auch nicht so einfach aufbauen können oder wollen.
Und wenn das Kind in einer sehr großen Notlage ist, dann muss man auch sehr strategisch damit umgehen. Da kannst du dann nicht einfach mal sagen: Oh, das Kind dissoziert, ich gehe mal zu einem Gespräch zu ihm nach Hause, das kann alles dann noch schlimmer machen.

Um so ein Kind erkennen zu können, brauchst du viel Selbstreflektion und Auseinandersetzung mit deiner eigenen Geeschichte, Ehrlichkeit.
Du brauchst Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Menschen, psychologisches Wissen und vielleicht auch Wissen um neurowissenschaftliche Erkenntnisse und vor allem brauchst du Einfühlungsvermögen und auch Mut!

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Hallo,

eine gute und interessante Frage. Da wir auf dem Dorf groß geworden sind und unsere Familie überall bekannt und beliebt war und als vorbildlich galt, wurde nie genauer hingeschaut.
Tatsächlich hätte bei uns nur auffallen müssen wie ängstlich wir waren, so sind wir auf die örtliche Hauptschule gekommen, da unsere Lehrer uns eine Busfahrt in die nächste Stadt nicht zugetraut haben.
Wir hätten aber eh nie etwas gesagt, wenn wir angsprochen worden wären.
Hilfreich wären verlässliche und positive Bezugspersonengewesen. Also auch mal Anerkennung zu erhalten und einfach sein zu dürfen ohne Gegenleistung. Ein Mensch der zuhört und wirklich interessiert an uns ist.

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Ich glaube es hätte schon was geändert, wenn man einfach mal genauer hingesehen hätte.
Bspw. wurde man in der Grundschule "plötzlich" sehr unordentlich, plötzlich gelang Ordnung wohl nicht mehr.
Was getan wurde: In der Klasse diffarmiert und an den Pranger gestellt, dass man so unordentlich sei, was ziemlich reingehauen hat emotional (vermute ich).
Was besser gewesen wäre: Hinterfragen, warum das so ist oder zumindest ein wohlwollendes Wort schenken oder zumindest nicht öffentlich abwatschen?
Offensichtlich hatte das Kind keine Bezugspersonen, ich meine schon, das das mit etwas Empathie oder ein klein wenig hinsehen hätte bemerkt werden können. Oder das wäre vielleicht meine Hoffnung.
Kleine Kinder können sich nicht in der Art so äußern, das geht einfach nicht, besonders nicht wenn Gewalt im Alltag besteht, man hat ja gelernt, dass dies die Regel ist und dies die Normalität. Man muss erstmal wissen, dass das nicht "normal" ist?
Vielleicht hätte auch geholfen wenn früher Hilfe angeboten werden kann, alleine zu wissen, dass da vielleicht eine wohlwollende Stelle ist, an die man zumindest ganz rein theoretisch sich mal wenden könnte.

In der Jugend war dann wohl offensichtlich, dass mit dem Kind was nicht stimmt, die Klinikaufenthalte haben einen zumindest am Leben erhalten, aber da war das "Kind ja schon in den Brunnen gefallen". Erkennen, dass man da eine DIS bereits hat oder ggf. auch noch weiter ausprägt, ich glaube nicht. Aber darum gehts auch weniger.

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Hallo pregunta326,

deine Frage ist für uns schwierig zu beantworten, weil sie sehr unterschiedliche Reaktionen bei uns auslöst. Deshalb verschiedene Gedanken von uns...

Also grundsätzlich wird es wahrscheinlich für dich nicht möglich sein zu erkennen, ob ein Kind oder Jugendliche DIS hat oder nicht (davon gehen wir jetzt mal aus).
Du kannst schon eine Menge bewirken, denken wir, aber vl anders als du denkst? Aus unserer Sicht sind es vorallem die "banalen" Dinge, die einen großen Unterschied machen können (also zumindest für uns).
Ich versuche mal aufzulisten, was wir uns bei HelferInnen gewünscht hätten bzw. was uns geholfen hat.

- jemand der weiß, dass böse Menschen nicht böse aussehen und unhöflich sind. (Das klingt total banal, ist aber unserer Erfahrung nach immer noch das größte Problem. Irgendwie scheint in der Gesellschaft (immer noch) die "Disney-Sichtweise" vorherrschend, dass gute Menschen nett und sympathisch sind und böse Menschen böse aussehen und sich asozial verhalten.

- NICHT alle Mütter lieben ihre Kinder (Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen daran festhalten, dass jede Mutter im Kern ihr Kind lieben muss. Das stimmt definitiv nicht und hat uns sehr viel Probleme bereitet. Bei Vätern scheint das sozial irgendwie akzeptierter, keine Ahnung warum.)

- Jemand der uns erzählt, dass Menschen verschiedene Lebenskonzepte haben und man als erwachsener Mensch wählen kann, wie man sein möchte, unabhängig von der Herkunft (das wäre für uns deshalb wichtig gewesen, da wir später schon bemerkt haben, dass andere Familien anders sind, aber wir dachten da eben, dass wir eben zu den Guten gehören und die zu den Bösen.. also dass das keine Referenz für uns sein kann ... falls das jetzt irgendwie logisch ist *:)?

- egal was ich dir erzähle, du wirst nicht mit meinen Eltern darüber reden (das ist für HelferInnen ein sehr schwieriger Punkt, der aus fachlicher Sicht leider schwer umsetzbar ist... da muss man dann aber abwägen würde ich behaupten... Man sollte schon im Blick haben, dass es für Kinder ein massives Risiko ist überhaupt irgendetwas zu sagen und die Eltern bei DIS ja meistens (Mit-)Täter sind. Unsere Schwester hat mal etwas (für uns banales) erzählt, woraufhin alles noch wesentlich schlimmer wurde...

- herzlich und liebevoll sein und das zeigen (aber nicht übergriffig sein)

- da bleiben (leider wechseln HelferInnen auch sehr häufig und bleiben nicht lange genug um eine Bindung aufzubauen)

- erklären, was wer mit einem machen darf und was nicht (das klingt auch banal, aber irgendwie mussten wir das und müssen es noch heute immer wieder hören bis es irgendwie durchdringt in manchen Bereichen)

- Verhalten hinterfragen, hellhörig bleiben (es ist nicht gut immer gleich das Schlimmste anzunehmen, aber uns hätte sehr geholfen, wenn sich jemand über bestimmte Verhaltensweisen von uns seine Gedanken gemacht hätte; im Nachhinein betrachtet waren wir als Kind beispielsweise unserer Lehrerin gegenüber körperlich sehr aufdringlich, wollten nach der Schule nie nach Hause und unsere Kratzer und Schrammen stammten auch nicht von der nicht existenten Katze ...)

- Abweisung aushalten und trotzdem da bleiben (Wir hatten als Teenager achtsame Lehrer, die uns auf unseren Zustand angesprochen und Hilfe angeboten haben. Die Situation hat uns total überfordert, wir haben uns massiv bedroht gefühlt und uns dementsprechend mies den HelferInnen gegenüber verhalten. Später hat uns das leid getan und wir haben gehofft, dass sie nochmal kommen und nachfragen, aber leider hat das dann keiner mehr gemacht.)

- Fortbildungen machen- vorallem zum Thema Trauma und Traumabonding

- Vorurteile über Board werfen und Verrücktheiten glauben (Zusammengefasst ist meine Familie nach Außen hin vorbildlich. Meine Eltern nett, sympathisch, sozial engagiert, gutbürgerlich, beliebt, hilfsbereit. Ich war immer überangepasst, höflich, beliebt, gut gekleidet, freundlich, hatte super Noten und mir wäre definitiv nie irgendetwas Unpassendes über die Lippen gerutscht (zumindest als Kind war das so). Abgesehen davon konnte ich mich bis ins Teenageralter ohnehin an fast nichts erinnern bzw. wusste schon gar nicht, dass wir mehrere sind.


Zusammengefasst wird es wahrscheinlich vordergründig die größte Hilfe sein, wenn du vorlebst wie es ist, ein normaler, netter Mensch zu sein und dabei im Hinterkopf behältst, dass es verrückte Menschen gibt denen man es einfach nicht zutraut. Es ist davon auszugehen, dass Kinder nicht wissen, dass sie mehrere sind, das auch nicht bemerken und auch nicht wissen, dass es irgendetwas gibt, weshalb man sich Hilfe suchen und auch bekommen sollte. Also zumindest war das bei uns so.

Alles Liebe und viel Glück!

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